Bergbau · Unglück · Katastrophen · Deep Dive
Wunder von Lengede 1963: 14 Tage im „Alten Mann“ überlebt
Wie nach dem Einbruch von Klärteich 12 am 24. Oktober 1963 elf Bergleute in 55 bis 60 Metern Tiefe überlebten und mit der Dahlbuschbombe geborgen wurden
Quick Story · Video · 60 Sek.
Wunder von Lengede 1963: 14 Tage im „Alten Mann“ überlebt
Am 24. Oktober 1963 brach Klärteich 12 über der Eisenerzgrube Lengede-Broistedt ein: 129 Bergleute saßen in der Falle, 100 überlebten – elf davon erst nach 14 Tagen im „Alten Mann“.
Am Donnerstagabend, dem 24. Oktober 1963, arbeiteten 129 Bergleute der Mittagsschicht unter Tage in der Eisenerzgrube Lengede-Broistedt (Schachtanlage Mathilde der Ilseder Hütte AG) im niedersächsischen Landkreis Peine [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓. Um 19:40 Uhr meldeten zwei Lokführer von der 60-Meter-Sohle telefonisch ungewöhnlich stark „sickerndes Wasser“ nach über Tage; zwanzig Minuten später, gegen 20:00 Uhr, rissen sämtliche Telefon- und Stromverbindungen ab [Q2]↓↓ [Q4]↓↓. Über dem Grubengebäude war der Damm des ehemaligen Tagebau-Trichters Klärteich 12 (rund 500 Meter lang, 170 Meter breit und bis zu 20 Meter tief) gebrochen [Q1]↓↓ [Q5]↓↓. Binnen kürzester Zeit stürzten gewaltige Mengen dünnflüssigen Erzschlamms und Wassers durch einen Trichter im Deckgebirge in die Grubenbaue und fluteten die Stollen von der 100-Meter- bis hinauf zur 60-Meter-Sohle [Q1]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓.
Erste Nacht, Floß-Rettung und die Luftblase bei Barbecke (24. Oktober – 1. November 1963)
Die Rettung verlief in vier Phasen: 79 Männer in der ersten Nacht, sieben per Floß, drei aus der Luftblase bei Barbecke – und elf aus dem „Alten Mann“.
Was nach dem Dammbruch in den Stollen geschah, entwickelte sich zur längsten und dramatischsten Rettungsaktion der deutschen Bergbaugeschichte – einer Operation in vier Phasen, in der insgesamt 100 der 129 Bergleute gerettet wurden und 29 ums Leben kamen [Q1]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓:
- Erste Rettungsphase (Nacht vom 24. auf den 25. Oktober 1963 – 79 Gerettete): Unmittelbar nach dem Einbruch retteten sich zwei Bergleute aus eigener Kraft über einen Schacht an die Oberfläche; wenig später wurden 44 Kumpel über noch passierbare Grubenwege geborgen, und gegen Mitternacht gelang weiteren 33 Bergleuten der Aufstieg [Q3]↓↓ [Q4]↓↓. Damit waren am Morgen nach der Katastrophe 79 Männer in Sicherheit – für 50 Vermisste unter Tage schwand dagegen jede Hoffnung, weil die tieferen Sohlen vollständig verschlammt schienen [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓.
- Zweite Rettungsphase (25. Oktober 1963 – 7 Gerettete per Floß): Am Tag nach dem Unglück stießen vier Steiger unter Lebensgefahr mit einem Floß auf das unterirdische Schlammmeer vor und retteten sieben Bergleute, die in rund 40 Metern Tiefe auf einer erhöhten Stelle im Stollen ausgeharrt hatten [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓.
- Dritte Rettungsphase (1. November 1963 – 3 Gerettete aus der Überdruck-Luftblase bei Barbecke): Auf der 80-Meter-Sohle im westlichen Grubenfeld Richtung Barbecke war eine vierköpfige Kameradschaft von der Flutwelle überrascht worden [Q5]↓↓ [Q6]↓↓. Während Fahrhauer Karl Eull beim Versuch, seine Kollegen in den Nachbarstrecken zu warnen, in den hereinbrechenden Wassermassen umkam, wurden die drei Hauer Emil Pohlai (in zeitgenössischen Berichten auch Pohlei), Fritz Leder und Gerhard Hanusch durch das steigende Wasser in eine ansteigende Blindstrecke gedrängt [Q3]↓↓ [Q5]↓↓ [Q6]↓↓. Dort bildete sich in 79 Metern Tiefe eine rund 32 Meter lange Luftblase, in der die eingeschlossene Luft durch den Wasserdruck auf 1,4 atü Überdruck komprimiert wurde [Q3]↓↓ [Q5]↓↓ [Q6]↓↓.
Als eine Suchbohrung am Wochenende des 26./27. Oktober 1963 die Decke der Luftblase bei Barbecke durchstieß, schlug der damals 26-jährige Emil Pohlai mit einer Hacke gegen das Bohrgestänge [Q5]↓↓ [Q6]↓↓. Über Tage wurden die Klopfzeichen registriert; durch das dünne Rohr erhielten Pohlai, Leder und Hanusch erstmals Licht, Sprechkontakt und Verpflegung [Q5]↓↓ [Q6]↓↓. Da das Abpumpen des Grubenwassers viel zu langsam vorankam, um die Luftblase rechtzeitig freizulegen, setzte die Einsatzleitung ein Großbohrgerät an, dessen Bohrkrone am frühen Morgen des 1. November 1963 um 04:16 Uhr nach Barbecke durchbrach [Q5]↓. Um ein Entweichen der auf 1,4 atü gespannten Luftblase – und damit ein tödliches Nachsteigen des Wassers – zu verhindern, wurde der Bohrlochkopf über Tage mit einer Preventer-Schleuse abgedichtet [Q5]↓. Gegen Mittag fuhr Steiger Paul Syska in der schmalen Dahlbuschbombe in die 79 Meter tiefe Strecke hinab; nacheinander wurden Fritz Leder, Gerhard Hanusch und Emil Pohlai mit Sonnenbrillen zum Schutz der Augen an die Oberfläche gezogen und wegen des Überdrucks zunächst in einer Druckkammer ausgeschleust [Q3]↓↓ [Q5]↓↓ [Q6]↓↓. Rückblickend schilderte Emil Pohlai den Augenblick der Rettung im SPIEGEL:
„Als wir hochkamen, klatschten alle.“
Für tot erklärt – und durch einen Zufall im „Alten Mann“ gefunden (28. Oktober – 3. November 1963)
Bereits am 28. Oktober 1963 hatte Hüttendirektor Bergassessor a. D. Rudolf Stein in einer Aktennotiz protokollarisch festgehalten, „daß an weiteren Betriebspunkten wohl für keinen Eingeschlossenen eine Lebensmöglichkeit besteht“ [Q5]↓. Dass auf der 60-Meter-Sohle dennoch Menschen überleben konnten, verdankten sie unter anderem dem leitenden Elektroingenieur Helmut Borges: Obwohl der Bereich offiziell bereits aufgegeben war, weigerte sich Borges, die von über Tage hinabführende Pressluftleitung abzustellen – mit der Begründung: „Wir hatten das Gefühl, daß unten noch Leute am Leben sind“ [Q5]↓.
Nach der Bergung der drei Männer in Barbecke am 1. November stellte die Grubenleitung die Suche nach Überlebenden zunächst ein; für Montag, den 4. November 1963, war bereits die offizielle Trauerfeier für die verbleibenden 40 Vermissten angesetzt [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓. Doch Bergleute über Tage – allen voran der Hauer Hütter, der die Fluchtwege seiner Kollegen kannte – sowie verzweifelte Ehefrauen wie Erna Kendzia bestürmten die Werksleitung, noch eine einzige Versuchsbohrung auf den sogenannten „Alten Mann“ anzusetzen: ein bereits abgebautes, planmäßig zu Bruch gegangenes Abbaufeld am Rand der 60-Meter-Sohle, das höher lag als die gefluteten Strecken [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓.
Am 2. November 1963 gaben die Verantwortlichen dem Drängen nach. Was dann am frühen Sonntagmorgen des 3. November 1963 geschah, grenzt an ein bergbautechnisches Wunder, das erst durch die im Niedersächsischen Landesarchiv Wolfenbüttel überlieferten Akten der Ilseder Hütte (Bestand 1009 N Zg. 55/2001 Nr. 7135) vollständig erklärbar wird [Q1]↓: Wäre nach Plan exakt senkrecht gebohrt worden, hätte der Bohrer den durch Einstürze zu einem engen Resthohlraum verkümmerten Stollen verfehlt. Das Landesarchiv dokumentiert dazu:
„Nur weil die Suchbohrung wegen eines Schienenstrangs etwas versetzt und die Bohrung unabsichtlich nicht senkrecht im Lot durchgeführt werden konnte, stieß man auf den durch Einstürze zum Hohlraum verkümmerten Stollen.“
Um 06:45 Uhr am Morgen des 3. November 1963 durchstieß der Bohrmeißel in 55 bis 60 Metern Tiefe (56 Meter laut DLF [Q4]↓) die Decke des „Alten Mannes“ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓. Unten in der stockdunklen, nur rund 6 Meter langen, 2 Meter breiten und 3 Meter hohen Bruchhöhle zog der Hauer Bernhard Wolter sein Taschenmesser aus dem Schuh und hämmerte damit rhythmisch („1-2, 1-2-3“) gegen das stählerne Bohrgestänge [Q3]↓↓ [Q5]↓↓.
Als über Tage die metallischen Schläge zu hören waren, herrschte zunächst fassungsloses Schweigen – neun Tage nach der Katastrophe lebten im „Alten Mann“ noch elf Bergleute [Q1]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓. Ursprünglich hatten sich in der Unglücksnacht 21 Kumpel in den Bruchhohlraum gerettet [Q3]↓. Doch in den ersten Tagen waren zehn ihrer Kameraden durch herabstürzende Gesteinsbrocken, schwere innere Verletzungen, Unterkühlung und Erschöpfung in unmittelbarer Nähe der Überlebenden gestorben [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓. Die elf Überlebenden – darunter die namentlich in den Quellen dokumentierten Bergleute Bernhard Wolter (Gruppenführer), der erst 20-jährige Adolf Herbst (der jüngste der Gruppe), Siegfried Ebeling, Helmut Webranitz, Dieter Richey und Helmut Kendzia – hatten zehneinhalb Tage bei 7 °C in völliger Finsternis ohne jede Nahrung ausgeharrt und sich nur von herabtropfendem Sickerwasser am Leben gehalten [Q2]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓. Wie entscheidend die gebrochene Druckluftleitung für ihr Überleben war, schilderte Helmut Webranitz rückblickend im Deutschlandfunk:
„Und dann sind wir, möchte‘ ich mal sagen, eingenickt, weil kein Sauerstoff da war. Und dann ist irgendwo eine Luftleitung runtergebrochen, dann kriegten wir von da die Luft.“
Sein mit ihm eingeschlossener Kamerad Dieter Richey ergänzte im selben Bericht zur ausströmenden Arbeitsluft und der Kälte in 56 bis 60 Metern Tiefe:
„Das war die Luft zum Bohren, für die Bohrhämmer, dadurch kriegten wir dann Luft. Wir haben ganz schon gefroren da.“
Wettlauf gegen den Einsturz: Trockene Pressluftspülung und die Dahlbuschbombe (3. – 7. November 1963)
Durch das schmale Versorgungsrohr (42 mm laut NDR [Q3]↓, 58 mm laut Denkmaltafel) wurden den elf Männern im „Alten Mann“ eine Grubenlampe, ein Mikrofon sowie in speziell gefertigten zylindrischen Büchsen warme Brühe, Tee, Schokolade, Medikamente, trockene Kleidung, Wolldecken und Luftmatratzen hinabgelassen [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓. Parallel dazu verwandelte sich das Zechengelände in ein internationales Medienzentrum: 449 Journalisten aus aller Welt berichteten live aus Lengede [Q3]↓. Am 6. November 1963 trat auch Bundeskanzler Ludwig Erhard an das Grubenmikrofon und rief den Eingeschlossenen zu: „Ich hoffe, dass Sie bald aus Ihrer schweren Bedrängnis erlöst sind, und wollte Ihnen nur meinen herzlichen Gruß entbieten. Glück auf!“ [Q3]↓.
Technisch stand die Rettungsmannschaft vor einem lebensgefährlichen Dilemma: Der „Alte Mann“ war kein abgestützter Stollen, sondern ein labiles Gewölbe aus locker verkeiltem Haufwerk und brüchigem Deckgebirge [Q3]↓↓ [Q5]↓↓. Hätte die unmittelbar neben dem Suchloch angesetzte Großbohrung (480 mm Bohrlochdurchmesser, 406 mm Innendurchmesser der Stahlverrohrung) bis zum Durchbruch mit normaler Wasserspülung gearbeitet, hätte das Spülwasser die Decke der Höhle aufgeweicht und die elf Männer unter Tonnen von Gestein begraben [Q5]↓. Ab einer Bohrtiefe von rund 40 Metern stellten die Ingenieure das Verfahren daher auf trockene Pressluftspülung um: Ein aus Oberhausen herangeschaffter Großkompressor der Gutehoffnungshütte (GHH) blies das zermalmte Bohrmehl mit 15 atü Überdruck trocken nach oben aus dem Bohrloch [Q5]↓.
Am Donnerstag, dem 7. November 1963, um 06:07 Uhr durchbrach der Rollenmeißel die Decke des „Alten Mannes“ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓. Nach dem Einziehen und Sichern der Stahlverrohrung wurde die Dahlbuschbombe in das Rohr gehängt – ein im Mai 1955 auf der Zeche Dahlbusch in Gelsenkirchen entwickelter Rettungszylinder von 2,50 Metern Länge und lediglich 38,5 Zentimetern Außendurchmesser, in dem ein Mensch nur stehend mit über dem Kopf erhobenen, angeschnallten Armen Platz fand [Q3]↓↓ [Q4]↓↓.
Gegen 13:00 Uhr ließ ein Kran die Kapsel zum ersten Mal mit einem Helfer in den „Alten Mann“ hinab [Q4]↓. Danach begann die live übertragene Bergung der elf Kumpel (Adolf Herbst, Siegfried Ebeling, Helmut Webranitz, Dieter Richey, Helmut Kendzia, Bernhard Wolter u. a.): Zuerst wurde der 20-jährige Adolf Herbst hochgezogen, bis um 14:20 Uhr als Elfter Gruppenführer Bernhard Wolter das Tageslicht erreichte [Q2]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓. Siegfried Ebeling schilderte im NDR den Einstieg und seine Rettung:
„Ja, man musste schon Praktiken haben. Die haben uns das gezeigt, je nachdem wie sie einsteigen wollen. Wenn sie mit dem rechten Fuß zuerst reingingen, mussten sie mit der rechten Schulter rein und dann sich richtig reindrehen.“
„Ich war froh, dass ich nach oben kam und habe meine Familie wiedergesehen. Wegen der Familie habe ich mir ja alle Beine ausgerissen“
Auch Adolf Herbst sagte im NDR über seine Ausfahrt („Mensch, ich bin doch draußen, ist doch toll“) und das Gedenken:
„60 Jahre leben bedeutet für mich: Ich konnte das erleben, 29 Bergleute konnten es nicht. Jedes Jahr haben wir unseren Lengede-Tag“
Bilanz der 29 Todesopfer und das juristische Nachspiel ohne Prozess (1964–1968)
So sehr die Rettung der Elf am 7. November 1963 weltweit als „Wunder von Lengede“ gefeiert wurde, so bitter blieb die Gesamtbilanz für die Bergbaugemeinde: 29 der 129 Bergleute bezahlten den Dammbruch von Klärteich 12 mit dem Leben [Q1]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓. In den Monaten bis zum Frühjahr 1964 gelang es den Bergungsmannschaften, 18 ums Leben gekommene Bergleute aus den verschlämmten Strecken zu bergen, sodass sie auf ihren Heimatfriedhöfen beigesetzt werden konnten. Für 11 Todesopfer war eine Bergung wegen der akuten Einsturzgefahr jedoch unmöglich: Die zehn im „Alten Mann“ in 60 Metern Tiefe verstorbenen Kameraden – die die elf Überlebenden vor ihrer Rettung im hinteren Teil der Höhle abgelegt hatten – sowie der in den Fluten verschollene Reinhard Guth blieben für immer unter Tage. Im März 1964 wurde der „Alte Mann“ unter Tage feierlich zugemauert und über Tage die Gedenkstätte eingeweiht, deren zwei Gedenkmauern diese Zweiteilung bis heute dokumentieren: Links stehen unter der Inschrift „SIE RUHEN SECHZIG METER UNTER UNS“ die elf Namenstafeln der ungeborgen im Berg verbliebenen Kumpel, rechts dahinter unter „SIE WURDEN AUF IHREN HEIMATFRIEDHÖFEN BESTATTET“ neun Doppeltafeln mit den 18 Namen der geborgenen Opfer [Q2]↓↓ [Q3]↓↓.
Unmittelbar nach dem Unglück übernahm der Braunschweiger Oberstaatsanwalt Erich Topf zusammen mit dem Hannoverschen Bodenmechaniker Prof. Alfred Streck die Untersuchung der Dammbruchursache [Q5]↓. Dabei trat auch ein schwerer interner Konflikt innerhalb der Ilseder Hütte zutage: Der junge Bergwerksdirektor Dr.-Ing. Peter Ferling hatte wiederholt auf Risiken hingewiesen, war jedoch an seinem eigenen Vater, dem Hüttenvorstand Wilhelm Ferling, gescheitert [Q5]↓. Der abschließende Untersuchungsbericht fiel vernichtend aus und hielt wörtlich fest:
„Der Betrieb des Klärteiches stellte unter den geschilderten Umständen von Anfang an ein höchstgefährliches Risiko dar.“
Auf Grundlage der Ermittlungen erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen fahrlässiger Tötung gegen fünf Grubenverantwortliche sowie den Leiter des Bergamts Hildesheim [Q3]↓. Zu einer Hauptverhandlung vor Gericht kam es jedoch nie: Im Januar 1968 lehnte das Gericht die Eröffnung des Hauptverfahrens ab – aus Mangel an Beweisen konnte keinem einzelnen Verantwortlichen nachgewiesen werden, den Zeitpunkt des Dammbruchs konkret vorhergesehen zu haben [Q3]↓. Während die strafrechtliche Aufarbeitung damit ohne Urteil endete, führte die Katastrophe von Lengede bundesweit zu verschärften Sicherheitsvorschriften für Klärteiche über Untertagebauen sowie zur Vorhaltung von Großbohrgeräten und Rettungskapseln im deutschen Bergbau [Q3]↓. Das Eisenerzbergwerk Lengede-Broistedt selbst wurde 1977 wegen mangelnder Rentabilität stillgelegt; an der ehemaligen Schachtanlage Mathilde erinnern heute die Gedenkstätte mit der originalen Bohrstelle und das Museum „Wunder von Lengede“ an den Herbst 1963 [Q2]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓.
Quellen & Faktencheck
Q1archiveAus den Magazinen des Landesarchivs (November 2013): Wunder von Lengede 1963
Niedersächsisches Landesarchiv – Landesgeschichte / Aus den Magazinen des Landesarchivs, Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Wolfenbüttel (Bestand 1009 N Zg. 55/2001 Nr. 7135, Firmenarchiv Ilseder Hütte) · 2013-11-01
Gemeinde Lengede – Offizielles Kommunalportal (lengede.de), Gemeinde Lengede · 2024-10-25
Q3pressDas Wunder von Lengede 1963: Kumpel 14 Tage verschüttet
Norddeutscher Rundfunk (NDR Geschichte – Chronologie), Jochen Lambernd, Astrid Reinberger · 2023-11-07
Q4pressFür tot erklärt, aber nicht aufgegeben – Vor 50 Jahren: Das Grubenunglück von Lengede
Deutschlandfunk (Kalenderblatt), Mirko Smiljanic · 2013-10-24
Q5pressLengede / Katastrophen: Aus der Gruft
DER SPIEGEL (Heft 46/1963, 12.11.1963), DER SPIEGEL (Redaktion) · 1963-11-12
Q6interviewGrubenunglück von Lengede: „Als wir hochkamen, klatschten alle“
DER SPIEGEL Geschichte, Christian Gödecke (Zeitzeugenbericht Emil Pohlai) · 2010-10-12
Alle 13 geprüften Aussagen & Einzelbelege (C1–C13) im Detail anzeigen
C1widersprüchlich
Am Abend des 24. Oktober 1963 gegen 20:00 Uhr brach der Damm des über dem Grubengebäude angelegten Klärteichs 12 (ca. 500 × 170 × 20 m) der Eisenerzgrube Lengede-Broistedt (Schachtanlage Mathilde der Ilseder Hütte AG); je nach Quelle ergossen sich 460.000 m³ (Gemeinde Lengede), 475.000 m³ (Deutschlandfunk) bzw. fast/rund 500.000 m³ (NLA Wolfenbüttel, NDR, DER SPIEGEL) Wasser und Erzschlamm in die Stollen von der 100- bis zur 60-Meter-Sohle.
Fundstelle: Q1 (Abs. 1: 500×170×20 m, 500.000 m³); Q2 (Abs. 2: 20:00 Uhr, 460.000 m³); Q3 (Abschnitt „Fast 500.000 Kubikmeter Schlamm“); Q4 (Abs. 2: 475.000 m³, 100–60 m); Q5 (S. 1: 500.000 m³, Klärteich 12)
C2gesichert
Zum Zeitpunkt des Wassereinbruchs befanden sich 129 Bergleute der Mittagsschicht unter Tage; bereits um 19:40 Uhr hatten zwei Lokführer von der 60-Meter-Sohle telefonisch „sickerndes Wasser“ gemeldet, bevor die Strom- und Telefonleitungen abrissen.
Fundstelle: Q1 (Abs. 1: 129 Bergleute); Q2 (Abs. 2: 129 Männer der Mittagsschicht); Q3 (Abs. 2: 129 Arbeiter); Q4 (Abs. 1–2: 19:40 Uhr Meldung zweier Lokführer über „sickerndes Wasser“ auf 60-m-Sohle); Q5 (S. 1: 129 Bergleute)
C3gesichert
Insgesamt überlebten 100 der 129 eingeschlossenen Bergleute in vier Rettungsphasen (79 in den ersten Stunden der Unglücksnacht, 7 am 25. Oktober, 3 am 1. November und 11 am 7. November 1963). 29 Bergleute starben: 18 Todesopfer wurden bis März 1964 geborgen und auf ihren Heimatfriedhöfen bestattet, während 11 Bergleute für immer ungeborgen unter Tage blieben (die 10 im „Alten Mann“ in 60 m Tiefe verstorbenen Kameraden sowie der verschollene Reinhard Guth).
Fundstelle: Q1 (Abs. 1–2: 100 Gerettete, davon 11 nach zwei Wochen); Q2 (Abs. 2–3); Q3 (Abschnitte zu 79, 7, 3 und 11 Geretteten sowie 10 Toten im „Alten Mann“); Q4 (Abs. 3–7: 79 + 7 + 3 + 11 = 100 Gerettete, 29 Tote); Q5 (S. 1–3) sowie Gedenkmauern an der Gedenkstätte Lengede (Asset lead: 11 Tafeln „SIE RUHEN SECHZIG METER UNTER UNS“ und 18 Namen „SIE WURDEN AUF IHREN HEIMATFRIEDHÖFEN BESTATTET“)
C4gesichert
Nachdem am 25. Oktober 1963 vier Steiger mit einem Floß sieben Bergleute aus 40 Metern Tiefe gerettet hatten, wurden in einer rund 32 Meter langen Überdruck-Luftblase (1,4 atü) bei Barbecke auf der 80-Meter-Sohle (79 m Tiefe) durch eine Suchbohrung am 26./27. Oktober drei Überlebende geortet: die Hauer Emil Pohlai (Pohlei), Fritz Leder und Gerhard Hanusch (der vierte Mann ihrer Kameradschaft, Fahrhauer Karl Eull, war beim Versuch, Kollegen zu warnen, in den Fluten umgekommen). Nach dem Durchstich der Rettungsbohrung am 1. November 1963 um 04:16 Uhr fuhr Steiger Paul Syska gegen Mittag in der Dahlbuschbombe hinab, und alle drei wurden über eine Preventer-Schleuse und Druckkammer gerettet.
Fundstelle: Q3 (Abschnitt „Drei weitere Überlebende in 79 Metern Tiefe“: Fritz Leder, Gerhard Hanusch, Emil Pohlei); Q4 (Abs. 3–4); Q5 (S. 2–4: 7 Mann per Floß durch vier Steiger am 25.10.; Barbecke 79 m, 1,4 atü, 32 m Luftblase, Karl Eull ertrunken, Durchstich 01.11. um 04:16 Uhr, Steiger Paul Syska, Preventer & Druckkammer); Q6 (Abs. 1–12: Zeitzeugenbericht Emil Pohlai)
C5gesichert
Schon am 28. Oktober 1963 hielt Hüttendirektor Bergassessor a. D. Rudolf Stein protokollarisch fest, „daß an weiteren Betriebspunkten wohl für keinen Eingeschlossenen eine Lebensmöglichkeit besteht“; der leitende Elektroingenieur Helmut Borges ließ die Pressluftleitung zur 60-Meter-Sohle dennoch weiterlaufen („Wir hatten das Gefühl, daß unten noch Leute am Leben sind“), was den Eingeschlossenen im „Alten Mann“ das Überleben ermöglichte.
Fundstelle: Q5 (DER SPIEGEL 46/1963: Protokoll Rudolf Stein vom 28.10.1963 und Zitat Elektroingenieur Helmut Borges zur weiterlaufenden Pressluftleitung)
C6gesichert
Nach der Bergung der drei Männer in Barbecke am 1. November 1963 galten die übrigen Vermissten offiziell als tot, und für Montag, den 4. November 1963, wurde die Trauerfeier angesetzt; erst auf beharrliches Drängen von Bergleuten (darunter Hauer Hütter) und Angehörigen (wie Erna Kendzia) setzte die Einsatzleitung am 2. November eine letzte Suchbohrung auf den verlassenen Bruchhohlraum „Alter Mann“ an.
Fundstelle: Q1 (Abs. 2); Q3 (Abschnitt „Grubenleitung gibt Suche fast auf - Kumpel protestieren“: Trauerfeier für 04.11. geplant); Q4 (Abs. 4–5); Q5 (S. 4–5: Drängen von Hauer Hütter und Erna Kendzia)
C7gesichert
Laut den im Niedersächsischen Landesarchiv Wolfenbüttel überlieferten Werksakten der Ilseder Hütte (Bestand 1009 N Zg. 55/2001 Nr. 7135) traf die letzte Suchbohrung am Morgen des 3. November 1963 den in 55 bis 60 Metern Tiefe gelegenen Bruchhohlraum „Alter Mann“ nur durch einen Zufall: Weil ein Schienenstrang im Weg lag, musste das Bohrgerät etwas versetzt aufgestellt werden, sodass die Bohrung unabsichtlich nicht senkrecht im Lot verlief und exakt in den eingestürzten Hohlraum stieß.
Fundstelle: Q1 (Abs. 2, Bestand 1009 N Zg. 55/2001 Nr. 7135: Schienenstrang-Versatz und unabsichtlich nicht im Lot verlaufene Bohrung); Q3 (Abschnitt „Klopfzeichen aus 60 Metern Tiefe“); Q5 (S. 5)
C8gesichert
Am Sonntag, dem 3. November 1963, um 06:45 Uhr drangen aus dem „Alten Mann“ Klopfzeichen nach über Tage: Der Hauer Bernhard Wolter zog sein Taschenmesser aus dem Schuh und schlug damit gegen das durchgebrochene Bohrrohr. In den rund 6 × 2 Meter schmalen und 3 Meter hohen Hohlraum hatten sich ursprünglich 21 Bergleute gerettet; zehn Kameraden waren in den ersten Tagen durch Steinschlag, Verletzungen und Erschöpfung gestorben, elf lebten noch.
Fundstelle: Q3 (Abschnitte „Klopfzeichen aus 60 Metern Tiefe“ und „Zehn Kumpel sterben in der Höhle“: Wolter klopft mit Taschenmesser aus dem Schuh; 21 Geflüchtete, 10 gestorben, 11 Überlebende); Q4 (Abs. 5: 56 m Tiefe, 11 Überlebende); Q5 (S. 5: 03.11.1963, 06:45 Uhr Klopfzeichen „1-2, 1-2-3“)
C9widersprüchlich
Die elf Überlebenden im „Alten Mann“ harrten zehneinhalb Tage in völliger Dunkelheit bei rund 7 °C ohne Nahrung aus und tranken von den Wänden tropfendes Sickerwasser; nach dem Durchbruch des dünnen Such- und Versorgungsbohrlochs (58 mm Durchmesser laut Denkmaltafel an der Bohrstelle, 42 mm laut NDR-Dossier) erhielten sie eine Grubenlampe, ein Mikrofon und in schmalen Behältern warme Brühe, Tee, Schokolade, Wolldecken und trockene Kleidung.
Fundstelle: Q3 (42 mm Versorgungsrohr, Lampe, Mikrofon, Essen); Q4 (Abs. 5–6: 56 m Tiefe, 7 °C, Tropfwasser, Versorgung); Q5 (S. 5–6) sowie Denkmaltafel an der Bohrstelle (Asset fig-1: Ø 58 mm)
C10gesichert
Für die Rettungsbohrung zum „Alten Mann“ stellte die Bohrtechnik ab rund 40 Metern Tiefe von Wasserspülung auf trockene Pressluftspülung mit einem 15-atü-Großkompressor der Gutehoffnungshütte (GHH) Oberhausen um, damit kein Spülwasser das brüchige Deckgebirge der Höhle zum Einsturz brachte; am 6. November 1963 sprach Bundeskanzler Ludwig Erhard vor den Augen von 449 akkreditierten Journalisten über das Grubenmikrofon mit den Eingeschlossenen, bevor die Großbohrung am 7. November 1963 um 06:07 Uhr durchbrach.
Fundstelle: Q3 (Erhard-Besuch am 06.11.1963, wörtliches Zitat, 449 Journalisten); Q4 (Abs. 6–7: Durchbruch kurz nach 6 Uhr am 07.11.1963); Q5 (S. 6–8: 15-atü-Kompressor der GHH Oberhausen ab 40 m Tiefe, Durchbruch am 07.11.1963 um 06:07 Uhr)
C11gesichert
Am 7. November 1963 wurde gegen 13:00 Uhr die 2,50 Meter lange und 38,5 Zentimeter schmale Dahlbuschbombe (entwickelt im Mai 1955 auf der Zeche Dahlbusch in Gelsenkirchen) zunächst zum ersten Mal mit einem Helfer in den „Alten Mann“ hinabgelassen; anschließend wurden bis 14:20 Uhr alle elf Überlebenden einzeln an die Oberfläche gezogen – darunter der damals 20-jährige Adolf Herbst (als Jüngster zuerst), Siegfried Ebeling, Helmut Webranitz, Dieter Richey, Helmut Kendzia und als Letzter der elf Sprecher Bernhard Wolter.
Fundstelle: Q2 (Abs. 3: Adolf Herbst als jüngster und letzter lebender Geretteter); Q3 (Maße Dahlbuschbombe 2,50 m × 38,5 cm, Zeche Dahlbusch Mai 1955; der 20-jährige Adolf Herbst zuerst, Bernhard Wolter als Elfter; Zitate Ebeling & Herbst); Q4 (Abs. 6–7: Kapsel gegen 13 Uhr zum ersten Mal mit einem Helfer hinabgelassen, Bergung bis 14.20 Uhr, Zitate Webranitz & Richey); Q5 (S. 5–8: Bernhard Wolter, Sigrid/Siegfried Ebeling, Erna/Helmut Kendzia)
C12gesichert
Der offizielle Untersuchungsbericht stufte den Betrieb des Klärteichs 12 als „von Anfang an ein höchstgefährliches Risiko“ ein; nach mehrjährigen Ermittlungen unter Oberstaatsanwalt Erich Topf und dem Sachverständigen Prof. Alfred Streck wurden fünf Grubenverantwortliche (darunter Bergwerksdirektor Dr.-Ing. Peter Ferling) sowie der Leiter des Bergamts Hildesheim wegen fahrlässiger Tötung angeklagt, doch kam es aus Mangel an Beweisen zu keinem Prozess.
Fundstelle: Q3 (Abschnitt „Nach dem Unglück: Neue Sicherheitsregeln im Bergbau“: Zitat Untersuchungsbericht, Anklage gegen fünf Grubenverantwortliche und den Leiter des Bergamts Hildesheim wegen fahrlässiger Tötung, kein Prozess aus Mangel an Beweisen); Q5 (S. 9–10: Oberstaatsanwalt Erich Topf, Gutachter Prof. Alfred Streck, Bergwerksdirektor Dr.-Ing. Peter Ferling und Vorstandsmitglied Wilhelm Ferling)
C13gesichert
Das Eisenerzbergwerk Lengede-Broistedt wurde 1977 wegen mangelnder Rentabilität geschlossen; am ehemaligen Schacht Mathilde erinnern heute die Gedenkstätte mit den beiden Inschriftenmauern (11 Namen unter „SIE RUHEN SECHZIG METER UNTER UNS“ und 18 Namen unter „SIE WURDEN AUF IHREN HEIMATFRIEDHÖFEN BESTATTET“), die eingefasste historische Bohrstelle sowie das Museum „Wunder von Lengede“ an die Katastrophe.
Fundstelle: Q2 (Abs. 1–4: Gedenkstätte und Museum „Wunder von Lengede“); Q3 (letzter Abschnitt: Schließung 1977, Gedenkstätte); Q4 (letzter Absatz: Schließung 1977) sowie visuelle Evidenz auf Asset lead und fig-1


