Bergbau · Unglück · Katastrophen · Deep Dive

Wunder von Lengede 1963: 14 Tage im „Alten Mann“ überlebt

Wie nach dem Einbruch von Klärteich 12 am 24. Oktober 1963 elf Bergleute in 55 bis 60 Metern Tiefe überlebten und mit der Dahlbuschbombe geborgen wurden

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Quellen & Faktencheck

  1. Q1archiveAus den Magazinen des Landesarchivs (November 2013): Wunder von Lengede 1963

    Niedersächsisches Landesarchiv – Landesgeschichte / Aus den Magazinen des Landesarchivs, Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Wolfenbüttel (Bestand 1009 N Zg. 55/2001 Nr. 7135, Firmenarchiv Ilseder Hütte) · 2013-11-01

  2. Q2primaryErinnerung an historisches Grubenunglück von 1963 – Gedenken zum 61. Jahrestag (Museum „Wunder von Lengede“ & Gedenkstätte)

    Gemeinde Lengede – Offizielles Kommunalportal (lengede.de), Gemeinde Lengede · 2024-10-25

  3. Q3pressDas Wunder von Lengede 1963: Kumpel 14 Tage verschüttet

    Norddeutscher Rundfunk (NDR Geschichte – Chronologie), Jochen Lambernd, Astrid Reinberger · 2023-11-07

  4. Q4pressFür tot erklärt, aber nicht aufgegeben – Vor 50 Jahren: Das Grubenunglück von Lengede

    Deutschlandfunk (Kalenderblatt), Mirko Smiljanic · 2013-10-24

  5. Q5pressLengede / Katastrophen: Aus der Gruft

    DER SPIEGEL (Heft 46/1963, 12.11.1963), DER SPIEGEL (Redaktion) · 1963-11-12

  6. Q6interviewGrubenunglück von Lengede: „Als wir hochkamen, klatschten alle“

    DER SPIEGEL Geschichte, Christian Gödecke (Zeitzeugenbericht Emil Pohlai) · 2010-10-12

Alle 13 geprüften Aussagen & Einzelbelege (C1–C13) im Detail anzeigen
  1. C1widersprüchlich

    Am Abend des 24. Oktober 1963 gegen 20:00 Uhr brach der Damm des über dem Grubengebäude angelegten Klärteichs 12 (ca. 500 × 170 × 20 m) der Eisenerzgrube Lengede-Broistedt (Schachtanlage Mathilde der Ilseder Hütte AG); je nach Quelle ergossen sich 460.000 m³ (Gemeinde Lengede), 475.000 m³ (Deutschlandfunk) bzw. fast/rund 500.000 m³ (NLA Wolfenbüttel, NDR, DER SPIEGEL) Wasser und Erzschlamm in die Stollen von der 100- bis zur 60-Meter-Sohle.

    Fundstelle: Q1 (Abs. 1: 500×170×20 m, 500.000 m³); Q2 (Abs. 2: 20:00 Uhr, 460.000 m³); Q3 (Abschnitt „Fast 500.000 Kubikmeter Schlamm“); Q4 (Abs. 2: 475.000 m³, 100–60 m); Q5 (S. 1: 500.000 m³, Klärteich 12)

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  2. C2gesichert

    Zum Zeitpunkt des Wassereinbruchs befanden sich 129 Bergleute der Mittagsschicht unter Tage; bereits um 19:40 Uhr hatten zwei Lokführer von der 60-Meter-Sohle telefonisch „sickerndes Wasser“ gemeldet, bevor die Strom- und Telefonleitungen abrissen.

    Fundstelle: Q1 (Abs. 1: 129 Bergleute); Q2 (Abs. 2: 129 Männer der Mittagsschicht); Q3 (Abs. 2: 129 Arbeiter); Q4 (Abs. 1–2: 19:40 Uhr Meldung zweier Lokführer über „sickerndes Wasser“ auf 60-m-Sohle); Q5 (S. 1: 129 Bergleute)

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  3. C3gesichert

    Insgesamt überlebten 100 der 129 eingeschlossenen Bergleute in vier Rettungsphasen (79 in den ersten Stunden der Unglücksnacht, 7 am 25. Oktober, 3 am 1. November und 11 am 7. November 1963). 29 Bergleute starben: 18 Todesopfer wurden bis März 1964 geborgen und auf ihren Heimatfriedhöfen bestattet, während 11 Bergleute für immer ungeborgen unter Tage blieben (die 10 im „Alten Mann“ in 60 m Tiefe verstorbenen Kameraden sowie der verschollene Reinhard Guth).

    Fundstelle: Q1 (Abs. 1–2: 100 Gerettete, davon 11 nach zwei Wochen); Q2 (Abs. 2–3); Q3 (Abschnitte zu 79, 7, 3 und 11 Geretteten sowie 10 Toten im „Alten Mann“); Q4 (Abs. 3–7: 79 + 7 + 3 + 11 = 100 Gerettete, 29 Tote); Q5 (S. 1–3) sowie Gedenkmauern an der Gedenkstätte Lengede (Asset lead: 11 Tafeln „SIE RUHEN SECHZIG METER UNTER UNS“ und 18 Namen „SIE WURDEN AUF IHREN HEIMATFRIEDHÖFEN BESTATTET“)

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  4. C4gesichert

    Nachdem am 25. Oktober 1963 vier Steiger mit einem Floß sieben Bergleute aus 40 Metern Tiefe gerettet hatten, wurden in einer rund 32 Meter langen Überdruck-Luftblase (1,4 atü) bei Barbecke auf der 80-Meter-Sohle (79 m Tiefe) durch eine Suchbohrung am 26./27. Oktober drei Überlebende geortet: die Hauer Emil Pohlai (Pohlei), Fritz Leder und Gerhard Hanusch (der vierte Mann ihrer Kameradschaft, Fahrhauer Karl Eull, war beim Versuch, Kollegen zu warnen, in den Fluten umgekommen). Nach dem Durchstich der Rettungsbohrung am 1. November 1963 um 04:16 Uhr fuhr Steiger Paul Syska gegen Mittag in der Dahlbuschbombe hinab, und alle drei wurden über eine Preventer-Schleuse und Druckkammer gerettet.

    Fundstelle: Q3 (Abschnitt „Drei weitere Überlebende in 79 Metern Tiefe“: Fritz Leder, Gerhard Hanusch, Emil Pohlei); Q4 (Abs. 3–4); Q5 (S. 2–4: 7 Mann per Floß durch vier Steiger am 25.10.; Barbecke 79 m, 1,4 atü, 32 m Luftblase, Karl Eull ertrunken, Durchstich 01.11. um 04:16 Uhr, Steiger Paul Syska, Preventer & Druckkammer); Q6 (Abs. 1–12: Zeitzeugenbericht Emil Pohlai)

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  5. C5gesichert

    Schon am 28. Oktober 1963 hielt Hüttendirektor Bergassessor a. D. Rudolf Stein protokollarisch fest, „daß an weiteren Betriebspunkten wohl für keinen Eingeschlossenen eine Lebensmöglichkeit besteht“; der leitende Elektroingenieur Helmut Borges ließ die Pressluftleitung zur 60-Meter-Sohle dennoch weiterlaufen („Wir hatten das Gefühl, daß unten noch Leute am Leben sind“), was den Eingeschlossenen im „Alten Mann“ das Überleben ermöglichte.

    Fundstelle: Q5 (DER SPIEGEL 46/1963: Protokoll Rudolf Stein vom 28.10.1963 und Zitat Elektroingenieur Helmut Borges zur weiterlaufenden Pressluftleitung)

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  6. C6gesichert

    Nach der Bergung der drei Männer in Barbecke am 1. November 1963 galten die übrigen Vermissten offiziell als tot, und für Montag, den 4. November 1963, wurde die Trauerfeier angesetzt; erst auf beharrliches Drängen von Bergleuten (darunter Hauer Hütter) und Angehörigen (wie Erna Kendzia) setzte die Einsatzleitung am 2. November eine letzte Suchbohrung auf den verlassenen Bruchhohlraum „Alter Mann“ an.

    Fundstelle: Q1 (Abs. 2); Q3 (Abschnitt „Grubenleitung gibt Suche fast auf - Kumpel protestieren“: Trauerfeier für 04.11. geplant); Q4 (Abs. 4–5); Q5 (S. 4–5: Drängen von Hauer Hütter und Erna Kendzia)

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  7. C7gesichert

    Laut den im Niedersächsischen Landesarchiv Wolfenbüttel überlieferten Werksakten der Ilseder Hütte (Bestand 1009 N Zg. 55/2001 Nr. 7135) traf die letzte Suchbohrung am Morgen des 3. November 1963 den in 55 bis 60 Metern Tiefe gelegenen Bruchhohlraum „Alter Mann“ nur durch einen Zufall: Weil ein Schienenstrang im Weg lag, musste das Bohrgerät etwas versetzt aufgestellt werden, sodass die Bohrung unabsichtlich nicht senkrecht im Lot verlief und exakt in den eingestürzten Hohlraum stieß.

    Fundstelle: Q1 (Abs. 2, Bestand 1009 N Zg. 55/2001 Nr. 7135: Schienenstrang-Versatz und unabsichtlich nicht im Lot verlaufene Bohrung); Q3 (Abschnitt „Klopfzeichen aus 60 Metern Tiefe“); Q5 (S. 5)

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  8. C8gesichert

    Am Sonntag, dem 3. November 1963, um 06:45 Uhr drangen aus dem „Alten Mann“ Klopfzeichen nach über Tage: Der Hauer Bernhard Wolter zog sein Taschenmesser aus dem Schuh und schlug damit gegen das durchgebrochene Bohrrohr. In den rund 6 × 2 Meter schmalen und 3 Meter hohen Hohlraum hatten sich ursprünglich 21 Bergleute gerettet; zehn Kameraden waren in den ersten Tagen durch Steinschlag, Verletzungen und Erschöpfung gestorben, elf lebten noch.

    Fundstelle: Q3 (Abschnitte „Klopfzeichen aus 60 Metern Tiefe“ und „Zehn Kumpel sterben in der Höhle“: Wolter klopft mit Taschenmesser aus dem Schuh; 21 Geflüchtete, 10 gestorben, 11 Überlebende); Q4 (Abs. 5: 56 m Tiefe, 11 Überlebende); Q5 (S. 5: 03.11.1963, 06:45 Uhr Klopfzeichen „1-2, 1-2-3“)

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  9. C9widersprüchlich

    Die elf Überlebenden im „Alten Mann“ harrten zehneinhalb Tage in völliger Dunkelheit bei rund 7 °C ohne Nahrung aus und tranken von den Wänden tropfendes Sickerwasser; nach dem Durchbruch des dünnen Such- und Versorgungsbohrlochs (58 mm Durchmesser laut Denkmaltafel an der Bohrstelle, 42 mm laut NDR-Dossier) erhielten sie eine Grubenlampe, ein Mikrofon und in schmalen Behältern warme Brühe, Tee, Schokolade, Wolldecken und trockene Kleidung.

    Fundstelle: Q3 (42 mm Versorgungsrohr, Lampe, Mikrofon, Essen); Q4 (Abs. 5–6: 56 m Tiefe, 7 °C, Tropfwasser, Versorgung); Q5 (S. 5–6) sowie Denkmaltafel an der Bohrstelle (Asset fig-1: Ø 58 mm)

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  10. C10gesichert

    Für die Rettungsbohrung zum „Alten Mann“ stellte die Bohrtechnik ab rund 40 Metern Tiefe von Wasserspülung auf trockene Pressluftspülung mit einem 15-atü-Großkompressor der Gutehoffnungshütte (GHH) Oberhausen um, damit kein Spülwasser das brüchige Deckgebirge der Höhle zum Einsturz brachte; am 6. November 1963 sprach Bundeskanzler Ludwig Erhard vor den Augen von 449 akkreditierten Journalisten über das Grubenmikrofon mit den Eingeschlossenen, bevor die Großbohrung am 7. November 1963 um 06:07 Uhr durchbrach.

    Fundstelle: Q3 (Erhard-Besuch am 06.11.1963, wörtliches Zitat, 449 Journalisten); Q4 (Abs. 6–7: Durchbruch kurz nach 6 Uhr am 07.11.1963); Q5 (S. 6–8: 15-atü-Kompressor der GHH Oberhausen ab 40 m Tiefe, Durchbruch am 07.11.1963 um 06:07 Uhr)

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  11. C11gesichert

    Am 7. November 1963 wurde gegen 13:00 Uhr die 2,50 Meter lange und 38,5 Zentimeter schmale Dahlbuschbombe (entwickelt im Mai 1955 auf der Zeche Dahlbusch in Gelsenkirchen) zunächst zum ersten Mal mit einem Helfer in den „Alten Mann“ hinabgelassen; anschließend wurden bis 14:20 Uhr alle elf Überlebenden einzeln an die Oberfläche gezogen – darunter der damals 20-jährige Adolf Herbst (als Jüngster zuerst), Siegfried Ebeling, Helmut Webranitz, Dieter Richey, Helmut Kendzia und als Letzter der elf Sprecher Bernhard Wolter.

    Fundstelle: Q2 (Abs. 3: Adolf Herbst als jüngster und letzter lebender Geretteter); Q3 (Maße Dahlbuschbombe 2,50 m × 38,5 cm, Zeche Dahlbusch Mai 1955; der 20-jährige Adolf Herbst zuerst, Bernhard Wolter als Elfter; Zitate Ebeling & Herbst); Q4 (Abs. 6–7: Kapsel gegen 13 Uhr zum ersten Mal mit einem Helfer hinabgelassen, Bergung bis 14.20 Uhr, Zitate Webranitz & Richey); Q5 (S. 5–8: Bernhard Wolter, Sigrid/Siegfried Ebeling, Erna/Helmut Kendzia)

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  12. C12gesichert

    Der offizielle Untersuchungsbericht stufte den Betrieb des Klärteichs 12 als „von Anfang an ein höchstgefährliches Risiko“ ein; nach mehrjährigen Ermittlungen unter Oberstaatsanwalt Erich Topf und dem Sachverständigen Prof. Alfred Streck wurden fünf Grubenverantwortliche (darunter Bergwerksdirektor Dr.-Ing. Peter Ferling) sowie der Leiter des Bergamts Hildesheim wegen fahrlässiger Tötung angeklagt, doch kam es aus Mangel an Beweisen zu keinem Prozess.

    Fundstelle: Q3 (Abschnitt „Nach dem Unglück: Neue Sicherheitsregeln im Bergbau“: Zitat Untersuchungsbericht, Anklage gegen fünf Grubenverantwortliche und den Leiter des Bergamts Hildesheim wegen fahrlässiger Tötung, kein Prozess aus Mangel an Beweisen); Q5 (S. 9–10: Oberstaatsanwalt Erich Topf, Gutachter Prof. Alfred Streck, Bergwerksdirektor Dr.-Ing. Peter Ferling und Vorstandsmitglied Wilhelm Ferling)

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  13. C13gesichert

    Das Eisenerzbergwerk Lengede-Broistedt wurde 1977 wegen mangelnder Rentabilität geschlossen; am ehemaligen Schacht Mathilde erinnern heute die Gedenkstätte mit den beiden Inschriftenmauern (11 Namen unter „SIE RUHEN SECHZIG METER UNTER UNS“ und 18 Namen unter „SIE WURDEN AUF IHREN HEIMATFRIEDHÖFEN BESTATTET“), die eingefasste historische Bohrstelle sowie das Museum „Wunder von Lengede“ an die Katastrophe.

    Fundstelle: Q2 (Abs. 1–4: Gedenkstätte und Museum „Wunder von Lengede“); Q3 (letzter Abschnitt: Schließung 1977, Gedenkstätte); Q4 (letzter Absatz: Schließung 1977) sowie visuelle Evidenz auf Asset lead und fig-1

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