Katastrophen · Unglück · Wissenschaft & Technik · Deep Dive
Vajont 1963: Als 270 Millionen m³ Fels den Stausee trafen
Wie 260 bis 270 Millionen Kubikmeter Fels des Monte Toc am 9. Oktober 1963 in den Stausee rasten und eine Mega-Flutwelle über die intakte Bogenstaumauer trieben
Quick Story · Video · 60 Sek.
Vajont 1963: Als 270 Millionen m³ Fels den Stausee trafen
Am 9. Oktober 1963 rutschte die Nordflanke des Monte Toc in den Vajont-Stausee: Die 261,6-Meter-Mauer hielt, doch die Flutwelle löschte Longarone aus.
Am Mittwochabend, dem 9. Oktober 1963, um 22:39 Uhr löste sich in den südlichen Dolomiten an der Grenze zwischen Friaul-Julisch Venetien und Venetien die gesamte Nordflanke des Monte Toc auf einer Breite von rund zwei Kilometern [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓. Innerhalb von 20 bis 45 Sekunden glitten 260 bis 270 Millionen Kubikmeter Kalkstein und Mergel als geschlossener Gebirgsblock mit einer Spitzengeschwindigkeit von bis zu 90 bis 108 km/h (20 bis 30 m/s) in den Stausee des Vajont [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓. Die zwischen 1957 und 1959 errichtete, 261,60 Meter hohe doppelt gekrümmte Beton-Bogenstaumauer – damals die höchste Bogenstaumauer der Erde – hielt der ungeheuren Belastung stand [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q4]↓↓. Doch die verdrängte Wassermasse schoss in einer über 100 bis 150 Meter hohen Flutwelle über die Mauerkrone hinweg in das unterhalb gelegene Piave-Tal und löschte binnen vier Minuten die Kleinstadt Longarone sowie die umliegenden Ortschaften fast vollständig aus [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q6]↓↓.
Das Jahrhundertbauwerk in der Vajont-Schlucht und die „Paleofrana“ am Monte Toc (1957–1960)
Die 261,60 Meter hohe Bogenstaumauer von Carlo Semenza stand auf einer prähistorischen Gleitbahn aus quellfähigen Tonlagen am Nordhang des Monte Toc.
Als Herzstück des nordostitalienischen Wasserkraftverbundes Grande Vajont plante der private venezianische Energiekonzern SADE (Società Adriatica di Elettricità) in den 1950er-Jahren unter seinem international renommierten Chefingenieur Carlo Semenza, die tiefe Kalksteinschlucht des Torrente Vajont durch eine doppelt gekrümmte Bogenstaumauer von bis dahin unerreichten Dimensionen abzuriegeln [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q5]↓↓. Zwischen Januar 1957 und September 1959 (mit Restarbeiten bis 1960) errichtete das Bauunternehmen Impresa Ing. Giuseppe Torno & C. aus 353.000 Kubikmetern Beton ein Bauwerk von 261,60 Metern Höhe (Kronenkote 725,50 m s.l.m., geplantes Stauziel 722,50 m s.l.m.), das an der Sohle nur 22,11 Meter und an der 190,15 Meter langen Krone lediglich 3,40 Meter stark war [Q1]↓. Der Stausee sollte ein Gesamtvolumen von 168,715 Millionen Kubikmetern (davon 150 Millionen Kubikmeter Nutzstauraum) fassen [Q1]↓. Die italienische Staudammaufsichtsbehörde hält zum historischen Rang des Bauwerks im Wortlaut fest:
„Al momento del completamento il Vajont era la più alta diga ad arco del mondo, e fu presentata come tale dall’amministrazione italiana al VII Congresso della Commissione internazionale delle grandi dighe, riunito a Roma nel giugno 1961 (Ministero dei Lavori Pubblici, 1961).“
Doch während der Beton in den seitlichen Felswiderlagern der Schlucht einwandfrei verankert war, verbarg der linke Talhang – der Nordhang des Monte Toc – eine tödliche geologische Vorgeschichte [Q1]↓↓ [Q3]↓↓ [Q5]↓↓. Im Sommer 1959 und 1960 untersuchte der junge Geologe Edoardo Semenza – der Sohn des Dammplaners Carlo Semenza – gemeinsam mit Franco Giudici die Flanke des Berges [Q1]↓↓ [Q5]↓↓. Dabei entdeckten sie, dass der gesamte Hang auf einer Breite von zwei Kilometern aus einer riesigen prähistorischen Bergsturzmasse (Paleofrana) bestand, die nach dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher bereits einmal abgerutscht war [Q1]↓↓ [Q3]↓↓ [Q5]↓↓. Darunter lagen stuhlartig zum Tal hin einfallende, dünnbankige Kalksteine und Mergel der jurassisch-kretazischen Fonzaso- und Soccher-Formation, in die 0,5 bis 15 Zentimeter dünne Zwischenlagen aus quellfähigen Tonmineralen (Smektit/Montmorillonit und Illit) eingeschaltet waren – Schichten mit einem extrem niedrigen Restreibungswinkel von nur 6 bis 12 Grad, die bei Wasserkontakt wie Schmierseife wirkten [Q1]↓↓ [Q3]↓↓.
Wie berechtigt Edoardo Semenzas Warnung war, zeigte sich bereits beim ersten Probeeinstau im Herbst 1960: Als der Wasserspiegel im Oktober 1960 die Marke von rund 645 bis 650 m s.l.m. erreichte, brach am 4. November 1960 an der Vorderkante des Monte Toc eine rund 800.000 Kubikmeter große Fels- und Schuttmasse ab und stürzte in den See, wo sie eine zwei Meter hohe Welle auslöste [Q1]↓↓ [Q4]↓↓. Gleichzeitig riss hoch oben am Berghang zwischen rund 900 und 1.200 Metern Meereshöhe eine 2 bis 2,2 Kilometer lange, M-förmige Abrissfuge (Perimetralspalte) auf – der äußere Umriss einer über 250 Millionen Kubikmeter umfassenden Gesteinsscholle, die sich in Bewegung gesetzt hatte [Q1]↓↓ [Q4]↓↓.
Der verhängnisvolle Trugschluss von Nove und der dritte Einstau (1961–1963)
Nach dem Warnschuss vom November 1960 zog SADE den Salzburger Felsmechaniker Prof. Leopold Müller hinzu, der in seinem Bericht Nr. 15 vom Februar 1961 feststellte, dass sich die rund 200 Millionen Kubikmeter große Gesteinsmasse nicht durch technische Stützbauwerke aufhalten ließ, und als einzige Eingriffsmöglichkeit eine vorsichtige Steuerung des Wasserspiegels sowie Entwässerungsstollen vorschlug [Q1]↓. Daraufhin ließ SADE den Stausee auf 600 m s.l.m. absenken und am stabilen rechten Talhang einen Umgehungsstollen (Galleria di sorpasso) ausbrechen, damit selbst für den Fall eines Hangrutsches, der den See in zwei Hälften teilen würde, weiterhin Wasser aus dem hinteren Seeteil zu den Turbinen geleitet werden konnte [Q1]↓↓ [Q4]↓↓.
Um abzuschätzen, wie hoch eine durch einen Hangrutsch ausgelöste Flutwelle steigen würde, beauftragte SADE das Hydraulische Institut der Universität Padua unter Prof. Augusto Ghetti, im Forschungszentrum Nove ein maßstabsgetreues Beckenmodell im Maßstab 1:200 zu errichten [Q1]↓↓ [Q4]↓↓. Doch die Versuche in Nove beruhten auf zwei folgenschweren Fehlannahmen: Erstens simulierte man den Hang mit inkohärentem Kies statt mit einem zusammenhängenden Felsblock, und zweitens ging man davon aus, dass die Rutschmasse sich über mehrere Minuten hinweg langsam in den See schieben würde [Q1]↓↓ [Q4]↓↓. Unter diesen Versuchsbedingungen ergab das Modell eine maximale Wellenhöhe von rund 20 bis 25 Metern – woraus Ghetti den Schluss zog, dass ein Wasserspiegel von 700 m s.l.m. (rund 25 Meter unter der Mauerkrone) als absolut sicher gelten könne [Q1]↓↓ [Q4]↓↓.
Nachdem Chefplaner Carlo Semenza im Oktober 1961 gestorben war und das Kraftwerkssystem im Zuge der Verstaatlichung der italienischen Stromwirtschaft im März/Juli 1963 von der SADE an den neuen Staatskonzern ENEL (Ente Nazionale per l'Energia Elettrica) überging – wobei SADE-Direktor Alberico Biadene die technische Leitung behielt –, begann im April 1963 der dritte Probeeinstau [Q1]↓↓ [Q2]↓↓. Anfang September 1963 erreichte der Wasserspiegel 710 bis 715 m s.l.m. [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q4]↓↓. Obwohl die Bewohner der am Seeufer gelegenen Berggemeinden Erto und Casso seit Monaten Erdstöße, dumpfes Grollen im Berg und aufreißende Straßen- und Hausrisse meldeten [Q2]↓↓ [Q6]↓↓, hielt die Betriebsleitung am Einstau fest, bis die tägliche Kriechgeschwindigkeit der Hangmasse Ende September bedrohlich anstieg [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q4]↓↓.
Am 26. September 1963 ordnete Biadene an, den Stausee langsam wieder auf die vermeintlich sichere Marke von 700 m s.l.m. abzusenken [Q1]↓↓ [Q4]↓↓. Doch genau diese Absenkung wirkte geomechanisch wie ein Zündmechanismus: Während der Seespiegel fiel, konnte das in den Klüften und Tonlagen des Monte Toc gespeicherte Bergwasser nicht schnell genug abfließen; der relative Porenwasserdruck in der Gleitfuge stieg an und hob die Reibung an der Basis der Scholle nahezu vollständig auf [Q1]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓. Anfang Oktober 1963 neigten sich die Bäume am Monte Toc schief, Spalten klafften meterweit auf, und die Rutschgeschwindigkeit sprang von über 20 Zentimetern pro Tag am 8. Oktober auf stellenweise 40 bis 80 Zentimeter am 9. Oktober 1963 [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q4]↓↓.
9. Oktober 1963, 22:39 Uhr: 260–270 Millionen Kubikmeter Fels und der Megatsunami
Am Abend des 9. Oktober 1963 stand der Wasserspiegel des Vajont-Stausees bei 700,4 m s.l.m. – exakt auf jener Kote, die nach den Modellversuchen von Nove als sicher galt; im Becken befanden sich rund 115 Millionen Kubikmeter Wasser [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q4]↓↓. Auf der Mauerkrone und im Kontrollgebäude verfolgten über fünfzig Techniker und Arbeiter der ENEL gebannt den Hang im Scheinwerferlicht, ohne dass das Piave-Tal unterhalb der Schlucht evakuiert worden war [Q1]↓↓ [Q4]↓↓ [Q6]↓↓.
Um 22:39 Uhr versagte das Gleichgewicht am Nordhang des Monte Toc schlagartig [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓. Statt über Minuten oder Stunden hinweg langsam abzurutschen, löste sich der gesamte, 260 bis 270 Millionen Kubikmeter umfassende Gebirgsblock auf einer Fläche von rund 2 Quadratkilometern als zusammenhängende Masse und schoss innerhalb von 20 bis 25 Sekunden (MIT Dighe [Q1]↓) bzw. weniger als 45 Sekunden (IUGS, ASDSO [Q3]↓↓ [Q4]↓↓) mit 20 bis 30 Metern pro Sekunde (rund 72 bis 108 km/h) in den Stausee [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓. Die Wucht war so gewaltig, dass die Felsmasse den gesamten Talgrund durchschlug und am gegenüberliegenden rechten Talhang noch bis zu 150 Meter hoch emporbrandete [Q1]↓↓ [Q3]↓↓.
Innerhalb von Sekunden verdrängte der stürzende Berg rund 50 Millionen Kubikmeter Wasser und teilte sie in eine dreifache Zerstörungswelle [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q4]↓↓:
- Erste Teilwelle (Gegenhang Casso und Seebecken Erto): Die vom Aufprall vorwärtsgetriebene Hauptwelle schoss den nördlichen Gegenhang hinauf, erreichte unmittelbar unterhalb des hoch auf einer Felsklippe gelegenen Dorfes Casso eine Brandungshöhe von rund 930 m s.l.m. (mehr als 200 Meter über dem Seespiegel!) und raste anschließend flussaufwärts durch das Becken Richtung Erto, wo sie die tiefer gelegenen Ortsteile wie San Martino zerstörte [Q1]↓↓ [Q2]↓↓.
- Zweite Teilwelle (Überströmung der Staumauer ins Piave-Tal): Gleichzeitig schwappte eine Wassermasse von rund 25 Millionen Kubikmetern (MIT Dighe [Q1]↓; ASDSO: 20.000 acre-feet ≈ 24,7 Mio. m³ [Q4]↓) mit einer Scheitelhöhe von über 100 bis 150 Metern (in der engsten Schluchtzone stellenweise bis zu 240 Metern über der Krone) über die 261,60 Meter hohe Bogenstaumauer hinweg [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q4]↓↓. Während die Betonmauer selbst dem vielfachen Bemessungsdruck ohne strukturellen Bruch standhielt und lediglich die Kronenstraße samt Kontrollsteg verlor, stürzten die 25 Millionen Kubikmeter Wasser aus über 250 Metern Fallhöhe senkrecht in die Schlucht und schossen in das breite Piave-Tal hinaus [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓.
- Vorauslaufende Luftdruckwelle und Auslöschung von Longarone: Noch vor der Wasserwand jagte eine komprimierte Luftdruckwelle aus der Vajont-Schlucht, die Dächer abdeckte, Fenster und Mauern eindrückte und Hochspannungsleitungen zerriss, sodass das Tal in völlige Dunkelheit fiel [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q4]↓↓. Wenige Sekunden später, um 22:43 Uhr – nur vier Minuten nach dem Hangabgang –, traf die bis zu 70 Meter hohe Flut- und Geröllwalze frontal auf die Kleinstadt Longarone sowie die Ortsteile und Nachbardörfer Pirago, Rivalta, Villanova, Faè und Codissago [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q4]↓↓.
Die amtliche Katastrophenchronik des italienischen Zivilschutzes (Dipartimento della Protezione Civile) fasst den Ablauf und die unmittelbare Zerstörung im Tal im Wortlaut zusammen:
„L’impatto con l’acqua genera un’onda di circa 50 milioni di metri cubi che travolge prima Erto e Casso per poi scavalcare la grande diga e distruggere gli abitati del fondovalle veneto, tra cui Longarone. 1.917 persone perdono la vita, 400 non saranno mai ritrovate.“
Als am Morgen des 10. Oktober 1963 die ersten Flugzeuge und Hubschrauber über das Piave-Tal flogen, bot sich den Beobachtern ein gespenstischer Kontrast zwischen dem ausgelöschten Talboden und der unversehrten Staumauer. Ein zeitgenössischer deutscher Radioreporter beim Überflug über das Katastrophengebiet am 10. Oktober 1963 (zitiert nach Irene Meichsner / Deutschlandfunk, Q6) schilderte den Anblick im Originalton mit den Worten:
„Nur ganz oben, dort wo die Wassermassen über den Damm traten, sieht man einige Beschädigungen, … ansonsten aber steht der Damm. Und er wirkt in dieser öden und tristen Stimmung am Boden beinahe wie das einzige Menschenwerk, das noch übrig geblieben ist.“
Opferbilanz, der Strafprozess von L'Aquila und Rom (1969–1971) und das geologische Erbe
Die menschliche Bilanz der Nacht vom 9. Oktober 1963 war verheerend: Ganze Familien wurden im Schlaf ausgelöscht, zahlreiche Leichen wurden vom Fluss Piave bis in die Adria gespült oder konnten unter den Geröllmassen nie geborgen werden. In den amtlichen und wissenschaftlichen Quellen wird die Gesamtzahl der Todesopfer deshalb mit leicht unterschiedlichen Werten geführt:
- Das italienische Infrastrukturministerium (MIT Dighe) und die digitale Quellenedition der Biblioteca Europea di Informazione e Cultura (BEIC) nennen 1.910 Todesopfer (darunter auch die über fünfzig auf der Mauerkrone und in den Betriebsanlagen getöteten Techniker und Arbeiter) [Q1]↓↓ [Q5]↓↓.
- Das Dipartimento della Protezione Civile (italienischer Zivilschutz) beziffert die Zahl der Toten auf 1.917 [Q2]↓.
- Die International Union of Geological Sciences (IUGS) und der Deutschlandfunk sprechen gerundet von rund bzw. fast 2.000 Todesopfern („nearly 2,000 casualties“ / „fast 2.000 Menschen“) [Q3]↓↓ [Q6]↓↓.
- Die US-Staudammsicherheitsbehörde ASDSO (ebenso im Deutschlandfunk erwähnt) führt „upwards of 2,056“ (bis zu 2.056) Todesopfer an [Q4]↓↓ [Q6]↓↓.
Die strafrechtliche Aufarbeitung zog sich über mehr als sieben Jahre hin und wurde aus Sorge um die öffentliche Ordnung vom zuständigen Gericht in Belluno an das Schwurgericht im mittelitalienischen L'Aquila verlegt [Q1]↓. Insgesamt wurden elf leitende Ingenieure und Verantwortliche von SADE, ENEL und den staatlichen Aufsichtsbehörden wegen fahrlässiger Herbeiführung einer Flutkatastrophe und vielfacher fahrlässiger Tötung angeklagt; der ehemalige Bauleiter Mario Pancini nahm sich im November 1968 kurz vor Prozessbeginn in Venedig das Leben [Q1]↓↓ [Q4]↓↓. Nachdem das Gericht in L'Aquila im Dezember 1969 zunächst drei Angeklagte verurteilt und das Berufungsgericht im Oktober 1970 die Schuldsprüche teilweise verschärft hatte, fällte der Kassationsgerichtshof in Rom am 25. März 1971 – unmittelbar vor Eintritt der Verjährung – das rechtskräftige Endurteil: Verurteilt wurden insbesondere Alberico Biadene (Leiter der Bauabteilung für Wasserkraftwerke bei SADE/ENEL, fünf Jahre Haft) und Francesco Sensidoni (Generalinspekteur im Ministerium für öffentliche Arbeiten und Mitglied der staatlichen Abnahmekommission, drei Jahre und acht Monate Haft), weil sie die Vorhersehbarkeit des Hangabgangs trotz eindeutiger geologischer Warnzeichen schuldhaft missachtet hatten [Q1]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓.
Heute steht die 261,60 Meter hohe Bogenstaumauer des Vajont als stummes technisches Denkmal noch immer in der Schlucht zwischen Erto e Casso und dem wiederaufgebauten Longarone – eine perfekt konstruierte Mauer an einem geologisch untauglichen Ort, hinter der kein Tropfen Wasser mehr gestaut wird, sondern der bewaldete Schuttberg des Monte Toc aufragt [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q3]↓↓. Im Jahr 2022 nahm die International Union of Geological Sciences (IUGS) die Rutschung des Vajont als weltweites Lehrbeispiel für das Zusammenwirken von Geologie, Porenwasserdruck und menschlichem Technikversagen in die Liste der „First 100 IUGS Geological Heritage Sites“ (Nr. 35) auf [Q3]↓.
Quellen & Faktencheck
Q1primaryVajont, 9 ottobre 1963
Ministero delle Infrastrutture e dei Trasporti – Direzione Generale per le Dighe e le Infrastrutture Idriche, Direzione Generale per le Dighe e le Infrastrutture Idriche · 2023-10-09 · S. Gesamtdokument (Abschnitte: L’opera, Le indagini geologiche, Il primo invaso e la frana del 1960, Il modello idraulico di Nove, Il disastro del 9 ottobre 1963)
Q2primaryLa frana del Vajont
Presidenza del Consiglio dei Ministri – Dipartimento della Protezione Civile, Dipartimento della Protezione Civile · 2023-10-09 · S. Gesamtdokument
Q3academicThe 1963 Vajont Landslide
International Union of Geological Sciences (IUGS) – The First 100 IUGS Geological Heritage Sites, Paola Coratza (IUGS) · 2022-10-01 · S. IUGS Geoheritage Site #035, S. 102–103
Q4academicVajont Dam (Italy, 1963)
Association of State Dam Safety Officials (ASDSO) – DamFailures.org, Giorgia DeWolfe (ASDSO) · 2015-01-01 · S. Case Study Summary, Key Findings & Lessons Learned
Q5archiveIl disastro del Vajont
Biblioteca Europea di Informazione e Cultura (BEIC) – Idraulica Italiana, Fondazione BEIC · 2018-01-01 · S. Abschnitte: Il progetto Grande Vajont, Gli studi geologici, La catastrofe, Il processo
Deutschlandfunk (Kalenderblatt), Irene Meichsner (Deutschlandfunk, Redaktion Kalenderblatt) · 2013-10-09 · S. Sendemanuskript vom 09.10.2013
Alle 14 geprüften Aussagen & Einzelbelege (C1–C14) im Detail anzeigen
C1gesichert
Zwischen Januar 1957 und September 1959 (Bauabnahme/Fertigstellung bis 1960) ließ der private nordostitalienische Energiekonzern SADE (Società Adriatica di Elettricità) nach Entwürfen von Chefingenieur Carlo Semenza durch das Bauunternehmen Impresa Ing. Giuseppe Torno & C. in der Kalksteinschlucht des Torrente Vajont die damals höchste doppelt gekrümmte Bogenstaumauer der Welt errichten: 261,60 m hoch (gerundet 262 m), Kronenkote 725,50 m s.l.m., geplantes Stauziel 722,50 m s.l.m., Basisstärke 22,11 m, Kronenstärke 3,40 m, Kronenbogenlänge 190,15 m, Betonvolumen 353.000 m³ und Gesamtstauraum 168,715 Mio. m³ (Nutzstauraum 150 Mio. m³).
Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Dati tecnici“ & „Cronologia“: 261,60 m, 725,50 m s.l.m., 168,715 Mio. m³, 22,11 m, 3,40 m, 190,15 m, 353.000 m³, Carlo Semenza, SADE, Torno & C.); Q2 (Abs. 2: Bauzeit 1957–1960, SADE, Carlo Semenza); Q4 (Abs. 1: 262 m / 860 ft); Q5 (Abs. 1–2: Carlo Semenza, SADE)
C2gesichert
Bereits im Sommer 1959 und 1960 erkannte der junge Geologe Edoardo Semenza (Sohn des Dammplaners Carlo Semenza) gemeinsam mit Franco Giudici bei Feldbegehungen, dass der gesamte linke Talhang (Nordhang des Monte Toc) aus einer riesigen prähistorischen Rutschmasse (Paleofrana) bestand, die auf stark gefalteten, plattigen jurassisch-kretazischen Kalkschichten (Fonzaso- und Soccher-Formation) mit 0,5 bis 15 cm dünnen Zwischenlagen aus quellfähigen Tonmineralen (Smektit/Montmorillonit und Illit, Restreibungswinkel nur 6–12°) wie auf einer stuhlartig geformten Gleitbahn lagerte.
Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Inquadramento geologico“: Edoardo Semenza & Franco Giudici 1959/1960, Paleofrana, Fonzaso/Soccher, 0,5–15 cm Smektit-/Illit-Tonlagen, Restreibungswinkel 6–12°); Q3 (Abschnitt „Description“: prähistorische Rutschmasse am Nordhang des Monte Toc auf dünnen Tonzwischenlagen); Q5 (Gutachten Giudici/Semenza)
C3gesichert
Während des ersten Probeeinstaus auf rund 650 m s.l.m. löste sich am 4. November 1960 an der Flanke des Monte Toc eine rund 800.000 m³ große Vorschüttung in den See; gleichzeitig riss am Berghang zwischen etwa 900 und 1.200 m Höhe eine rund 2 bis 2,2 Kilometer lange, M-förmige Abrissfuge (Perimetralspalte) auf, die die Ausdehnung des gesamten instabilen Felskörpers markierte.
Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Cronologia – 4 novembre 1960“: Einstau ~650 m s.l.m., 800.000 m³ Rutschung, ~2 km M-förmige Perimetralspalte); Q4 (Abschnitt „First Filling and Landslide“: 04.11.1960, ~800.000 m³, 2,2 km M-shaped crack)
C4gesichert
Auf Empfehlung des österreichischen Felsmechanikers Prof. Leopold Müller (Bericht Nr. 15 vom Februar 1961) ließ SADE den Wasserspiegel zunächst absenken, am rechten Talhang einen Umgehungsstollen (Galleria di sorpasso) zur Verbindung beider Seeteile vortreiben und am Hydraulikinstitut in Nove unter Leitung von Prof. Augusto Ghetti Modellversuche im Maßstab 1:200 durchführen; weil man dort jedoch mit einem zu langsamen, schrittweisen Abgleiten von Kies/Schotter experimentierte, schätzte Ghetti einen Einstau bis 700 m s.l.m. fälschlich als beherrschbar ein.
Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Il modello idraulico di Nove“ & „Cronologia 1961“: Leopold Müller, Umgehungsstollen, Modell 1:200 unter Prof. Augusto Ghetti, Unterschätzung der Rutschgeschwindigkeit); Q4 (Abschnitt „Model Testing“: 1:200 model, Kies-Simulation, Annahme von 700 m s.l.m. als sicherem Pegel)
C5gesichert
Nach dem Tod von Carlo Semenza (Oktober 1961) und der Verstaatlichung der italienischen Elektrizitätswirtschaft wurde das Kraftwerkssystem Vajont im März/Juli 1963 von der SADE an den neuen Staatskonzern ENEL (Ente Nazionale per l'Energia Elettrica) übertragen, wobei die technische Betriebsführung unter Ingenieur Alberico Biadene weitgehend unverändert blieb.
Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Cronologia“: Tod Carlo Semenzas Oktober 1961, Übergang SADE an ENEL im März/Juli 1963, Alberico Biadene); Q2 (Abs. 3–4: Übergang an ENEL 1963)
C6gesichert
Beim dritten Probeeinstau ab April 1963 wurde der Wasserspiegel Anfang September 1963 bis auf rund 710–715 m s.l.m. angehoben; als sich die Kriechbewegung des Monte Toc unter starken Herbstregenfällen bedrohlich beschleunigte, leitete die Betriebsleitung Ende September eine langsame Spiegelabsenkung ein, die durch den Anstieg des Porenwasserdrucks im Gestein die Stabilität des Hanges jedoch weiter schwächte.
Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Cronologia – 1963“: dritter Einstau bis 715 m s.l.m. im September 1963, Absenkung ab Ende September); Q2 (Abs. 4: dritter Einstau über 710 m s.l.m., Beschleunigung der Hangbewegung); Q4 (Abschnitt „Third Filling“: Einstau auf 710 m, Entlastungsabsenkung)
C7gesichert
Anfang Oktober 1963 traten am Monte Toc unübersehbare Alarmzeichen auf (aufklaffende Spalten, Erdstöße, schrägstehende Bäume): Die gemessene Rutschgeschwindigkeit überstieg 20 Zentimeter pro Tag (am 8. Oktober rund 20 cm/Tag, am 9. Oktober stellenweise bis zu 40–80 cm/Tag), bis der Wasserspiegel am Abend des 9. Oktober 1963 bei 700,4 m s.l.m. (rund 115 Mio. m³ Stauvolumen) stand.
Fundstelle: Q1 (Abschnitt „9 ottobre 1963“: Pegel 700,4 m s.l.m., 115 Mio. m³ Wasser); Q2 (Abs. 4–5: Risse, Bäume, > 20 cm/Tag, 115 Mio. m³); Q4 (Abschnitt „The Slide“: ~20 cm/day am 8. Oktober, bis zu 80 cm am 9. Oktober)
C8widersprüchlich
Am Mittwoch, dem 9. Oktober 1963, um 22:39 Uhr brach die Nordflanke des Monte Toc auf einer Länge von rund 2 Kilometern und einer Fläche von ca. 2 km² als zusammenhängender Felsblock ab: Je nach Quelle glitten 260 Mio. m³ (MIT Dighe, Protezione Civile, ASDSO) bzw. 270 Mio. m³ (IUGS) Gestein innerhalb von 20 bis 25 Sekunden (MIT Dighe) bzw. unter 45 Sekunden (IUGS, ASDSO) mit einer Spitzengeschwindigkeit von 20 bis 30 m/s (rund 72 bis 108 km/h) in den Stausee und türmten sich am Gegenhang bis zu 150 m über dem alten Seeboden auf.
Fundstelle: Q1 (22:39 Uhr, 260–270 Mio. m³, 20–25 s, 20–25 m/s); Q2 (22:39 Uhr, > 260 Mio. m³, wenige Dutzend Sekunden, ~100 km/h); Q3 (270 Mio. m³, 2 km², < 45 s, bis 30 m/s); Q4 (22:39 Uhr, 260 Mio. m³, < 45 s)
C9widersprüchlich
Der Einschlag der Felsmasse verdrängte schlagartig rund 50 Millionen Kubikmeter Wasser: Eine erste Teilwelle brandete am nördlichen Gegenhang bis auf rund 930 m s.l.m. (über 200 m über den Seespiegel) zu den hochgelegenen Dörfern Casso und Erto empor, während eine zweite Teilwelle von rund 25 Millionen Kubikmetern (ASDSO: 20.000 acre-feet ≈ 24,7 Mio. m³) mit einer Scheitelhöhe von über 100 bis 150 Metern (stellenweise bis 240 m) die 261,6 m hohe Bogenstaumauer überströmte.
Fundstelle: Q1 (Brandungswelle bis ~930 m s.l.m. bei Casso, ~25 Mio. m³ über die Mauerkrone); Q2 (~50 Mio. m³ verdrängtes Wasser in zwei Wellen gegen Erto/Casso und ins Piave-Tal); Q3 (Mega-Tsunami über die Mauerkrone); Q4 (20.000 acre-feet ≈ 24,7 Mio. m³, Wellenhöhe 100–150 m bzw. bis 240 m)
C10gesichert
Obwohl die Bewohner von Erto und Casso wegen des monatelangen Grollens im Berg und der aufreißenden Erdspalten wiederholt vor einer Katastrophe gewarnt und Geologen wie Edoardo Semenza auf die urzeitliche Gleitfläche hingewiesen hatten, unterblieb am Abend des 9. Oktober 1963 eine Evakuierung des unterhalb gelegenen Piave-Tals, weil die Verantwortlichen auf die Ergebnisse der Modellversuche von Nove vertrauten.
Fundstelle: Q1 (Gutachten Edoardo Semenza, Fehleinschätzung nach Nove-Modell); Q2 (Warnzeichen in Erto und Casso); Q4 (Abschnitt „The Slide“ & „Lessons Learned“: fehlende Vorwarnung im Piave-Tal); Q5 (Gutachten & Prozessakten); Q6 (Abs. 3–5: Warnungen der Bewohner von Erto und Casso)
C11gesichert
Die doppelt gekrümmte Beton-Bogenstaumauer von Carlo Semenza überstand die einwirkenden Kräfte des Bergsturzes und der Flutwelle strukturell nahezu unbeschadet – lediglich die Kronenstraße mit dem Kontrollsteg wurde weggerissen –, während die ins Piave-Tal hinabstürzende Wassermasse und die vorauslaufende Luftdruckwelle binnen vier Minuten die Kleinstadt Longarone sowie die Ortsteile Pirago, Rivalta, Villanova, Faè und Codissago fast vollständig ausradierte.
Fundstelle: Q1 (Staumauer bis auf Kronenstraße intakt, Zerstörung von Longarone und Nachbarorten); Q2 (Intakte Staumauer, zerstörte Orte Longarone, Pirago, Rivalta, Villanova, Faè, Codissago); Q3 & Q4 (Intakte Bogenstaumauer, totale Verwüstung von Longarone); Q6 (Augenzeugenbericht vom 10.10.1963)
C12widersprüchlich
Zur Gesamtzahl der Todesopfer der Vajont-Katastrophe nennen die Fach- und Behördenquellen leicht abweichende Zahlen: Das italienische Infrastrukturministerium (MIT Dighe) und die Quellenedition der BEIC beziffern die Zahl auf 1.910 Tote (darunter auch die Arbeiter auf der Mauerkrone), der italienische Zivilschutz (Protezione Civile) nennt 1.917 Tote, die IUGS und der Deutschlandfunk sprechen gerundet von rund bzw. fast 2.000 Toten, und die US-Fachbehörde ASDSO (ebenso im Deutschlandfunk erwähnt) führt „upwards of 2,056“ (bis zu 2.056) Todesopfer an.
Fundstelle: Q1 (1.910 Tote); Q2 (1.917 Tote); Q3 („nearly 2,000 casualties“); Q4 („upwards of 2,056 people“); Q5 (1.910 Tote); Q6 („fast 2000 Menschen“, „manche Schätzungen gehen von 2056 Toten aus“)
C13gesichert
Vor Beginn des Hauptprozesses nahm sich Bauleiter Mario Pancini 1968 das Leben; im Strafprozess von L'Aquila (1969) und im letztinstanzlichen Urteil des Kassationsgerichtshofs in Rom vom 25. März 1971 wurden unter anderem SADE-/ENEL-Direktor Alberico Biadene und der leitende Beamte des Ministeriums für öffentliche Arbeiten Francesco Sensidoni wegen fahrlässiger Herbeiführung einer Flutkatastrophe und vielfacher fahrlässiger Tötung zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie die Vorhersehbarkeit des Hangabgangs schuldhaft verkannt hatten.
Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Il processo“: Verfahren in L'Aquila 1969, Kassationsurteil Rom März 1971, Verurteilung von Alberico Biadene und Francesco Sensidoni); Q4 (Abschnitt „Lessons Learned / Aftermath“: Suizid Mario Pancinis 1968, Strafprozess); Q5 (Prozessakten)
C14gesichert
Die 261,6 Meter hohe Staumauer des Vajont steht bis heute ohne Stausee vor dem über 260 Millionen Kubikmeter großen Schuttberg des Monte Toc; die International Union of Geological Sciences (IUGS) nahm die Rutschung des Vajont 2022 als Lehrbeispiel für vom Menschen ausgelöste geologische Großkatastrophen in die Liste der „First 100 IUGS Geological Heritage Sites“ (#35) auf.
Fundstelle: Q1 & Q2 (Heutiger Zustand der Staumauer und Gedenkstätte); Q3 (IUGS First 100 Geological Heritage Sites #35, 2022)


