Katastrophen · Unglück · Wissenschaft & Technik · Deep Dive

Vajont 1963: Als 270 Millionen m³ Fels den Stausee trafen

Wie 260 bis 270 Millionen Kubikmeter Fels des Monte Toc am 9. Oktober 1963 in den Stausee rasten und eine Mega-Flutwelle über die intakte Bogenstaumauer trieben

Quick Story · Video · 60 Sek.

0:00 / 1:00

Direkt zum Deep Dive & Faktencheck ↓

↕ Im Video-Stream ansehen (alle 16 Videos)

Quellen & Faktencheck

  1. Q1primaryVajont, 9 ottobre 1963

    Ministero delle Infrastrutture e dei Trasporti – Direzione Generale per le Dighe e le Infrastrutture Idriche, Direzione Generale per le Dighe e le Infrastrutture Idriche · 2023-10-09 · S. Gesamtdokument (Abschnitte: L’opera, Le indagini geologiche, Il primo invaso e la frana del 1960, Il modello idraulico di Nove, Il disastro del 9 ottobre 1963)

  2. Q2primaryLa frana del Vajont

    Presidenza del Consiglio dei Ministri – Dipartimento della Protezione Civile, Dipartimento della Protezione Civile · 2023-10-09 · S. Gesamtdokument

  3. Q3academicThe 1963 Vajont Landslide

    International Union of Geological Sciences (IUGS) – The First 100 IUGS Geological Heritage Sites, Paola Coratza (IUGS) · 2022-10-01 · S. IUGS Geoheritage Site #035, S. 102–103

  4. Q4academicVajont Dam (Italy, 1963)

    Association of State Dam Safety Officials (ASDSO) – DamFailures.org, Giorgia DeWolfe (ASDSO) · 2015-01-01 · S. Case Study Summary, Key Findings & Lessons Learned

  5. Q5archiveIl disastro del Vajont

    Biblioteca Europea di Informazione e Cultura (BEIC) – Idraulica Italiana, Fondazione BEIC · 2018-01-01 · S. Abschnitte: Il progetto Grande Vajont, Gli studi geologici, La catastrofe, Il processo

  6. Q6pressTod in den Alpen – Vor 50 Jahren: Eine Flutwelle am Stausee Vajont reißt rund 2000 Menschen in den Tod

    Deutschlandfunk (Kalenderblatt), Irene Meichsner (Deutschlandfunk, Redaktion Kalenderblatt) · 2013-10-09 · S. Sendemanuskript vom 09.10.2013

Alle 14 geprüften Aussagen & Einzelbelege (C1–C14) im Detail anzeigen
  1. C1gesichert

    Zwischen Januar 1957 und September 1959 (Bauabnahme/Fertigstellung bis 1960) ließ der private nordostitalienische Energiekonzern SADE (Società Adriatica di Elettricità) nach Entwürfen von Chefingenieur Carlo Semenza durch das Bauunternehmen Impresa Ing. Giuseppe Torno & C. in der Kalksteinschlucht des Torrente Vajont die damals höchste doppelt gekrümmte Bogenstaumauer der Welt errichten: 261,60 m hoch (gerundet 262 m), Kronenkote 725,50 m s.l.m., geplantes Stauziel 722,50 m s.l.m., Basisstärke 22,11 m, Kronenstärke 3,40 m, Kronenbogenlänge 190,15 m, Betonvolumen 353.000 m³ und Gesamtstauraum 168,715 Mio. m³ (Nutzstauraum 150 Mio. m³).

    Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Dati tecnici“ & „Cronologia“: 261,60 m, 725,50 m s.l.m., 168,715 Mio. m³, 22,11 m, 3,40 m, 190,15 m, 353.000 m³, Carlo Semenza, SADE, Torno & C.); Q2 (Abs. 2: Bauzeit 1957–1960, SADE, Carlo Semenza); Q4 (Abs. 1: 262 m / 860 ft); Q5 (Abs. 1–2: Carlo Semenza, SADE)

    [Q1]↓ [Q2]↓ [Q4]↓ [Q5]↓

  2. C2gesichert

    Bereits im Sommer 1959 und 1960 erkannte der junge Geologe Edoardo Semenza (Sohn des Dammplaners Carlo Semenza) gemeinsam mit Franco Giudici bei Feldbegehungen, dass der gesamte linke Talhang (Nordhang des Monte Toc) aus einer riesigen prähistorischen Rutschmasse (Paleofrana) bestand, die auf stark gefalteten, plattigen jurassisch-kretazischen Kalkschichten (Fonzaso- und Soccher-Formation) mit 0,5 bis 15 cm dünnen Zwischenlagen aus quellfähigen Tonmineralen (Smektit/Montmorillonit und Illit, Restreibungswinkel nur 6–12°) wie auf einer stuhlartig geformten Gleitbahn lagerte.

    Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Inquadramento geologico“: Edoardo Semenza & Franco Giudici 1959/1960, Paleofrana, Fonzaso/Soccher, 0,5–15 cm Smektit-/Illit-Tonlagen, Restreibungswinkel 6–12°); Q3 (Abschnitt „Description“: prähistorische Rutschmasse am Nordhang des Monte Toc auf dünnen Tonzwischenlagen); Q5 (Gutachten Giudici/Semenza)

    [Q1]↓ [Q3]↓ [Q5]↓

  3. C3gesichert

    Während des ersten Probeeinstaus auf rund 650 m s.l.m. löste sich am 4. November 1960 an der Flanke des Monte Toc eine rund 800.000 m³ große Vorschüttung in den See; gleichzeitig riss am Berghang zwischen etwa 900 und 1.200 m Höhe eine rund 2 bis 2,2 Kilometer lange, M-förmige Abrissfuge (Perimetralspalte) auf, die die Ausdehnung des gesamten instabilen Felskörpers markierte.

    Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Cronologia – 4 novembre 1960“: Einstau ~650 m s.l.m., 800.000 m³ Rutschung, ~2 km M-förmige Perimetralspalte); Q4 (Abschnitt „First Filling and Landslide“: 04.11.1960, ~800.000 m³, 2,2 km M-shaped crack)

    [Q1]↓ [Q4]↓

  4. C4gesichert

    Auf Empfehlung des österreichischen Felsmechanikers Prof. Leopold Müller (Bericht Nr. 15 vom Februar 1961) ließ SADE den Wasserspiegel zunächst absenken, am rechten Talhang einen Umgehungsstollen (Galleria di sorpasso) zur Verbindung beider Seeteile vortreiben und am Hydraulikinstitut in Nove unter Leitung von Prof. Augusto Ghetti Modellversuche im Maßstab 1:200 durchführen; weil man dort jedoch mit einem zu langsamen, schrittweisen Abgleiten von Kies/Schotter experimentierte, schätzte Ghetti einen Einstau bis 700 m s.l.m. fälschlich als beherrschbar ein.

    Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Il modello idraulico di Nove“ & „Cronologia 1961“: Leopold Müller, Umgehungsstollen, Modell 1:200 unter Prof. Augusto Ghetti, Unterschätzung der Rutschgeschwindigkeit); Q4 (Abschnitt „Model Testing“: 1:200 model, Kies-Simulation, Annahme von 700 m s.l.m. als sicherem Pegel)

    [Q1]↓ [Q4]↓

  5. C5gesichert

    Nach dem Tod von Carlo Semenza (Oktober 1961) und der Verstaatlichung der italienischen Elektrizitätswirtschaft wurde das Kraftwerkssystem Vajont im März/Juli 1963 von der SADE an den neuen Staatskonzern ENEL (Ente Nazionale per l'Energia Elettrica) übertragen, wobei die technische Betriebsführung unter Ingenieur Alberico Biadene weitgehend unverändert blieb.

    Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Cronologia“: Tod Carlo Semenzas Oktober 1961, Übergang SADE an ENEL im März/Juli 1963, Alberico Biadene); Q2 (Abs. 3–4: Übergang an ENEL 1963)

    [Q1]↓ [Q2]↓

  6. C6gesichert

    Beim dritten Probeeinstau ab April 1963 wurde der Wasserspiegel Anfang September 1963 bis auf rund 710–715 m s.l.m. angehoben; als sich die Kriechbewegung des Monte Toc unter starken Herbstregenfällen bedrohlich beschleunigte, leitete die Betriebsleitung Ende September eine langsame Spiegelabsenkung ein, die durch den Anstieg des Porenwasserdrucks im Gestein die Stabilität des Hanges jedoch weiter schwächte.

    Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Cronologia – 1963“: dritter Einstau bis 715 m s.l.m. im September 1963, Absenkung ab Ende September); Q2 (Abs. 4: dritter Einstau über 710 m s.l.m., Beschleunigung der Hangbewegung); Q4 (Abschnitt „Third Filling“: Einstau auf 710 m, Entlastungsabsenkung)

    [Q1]↓ [Q2]↓ [Q4]↓

  7. C7gesichert

    Anfang Oktober 1963 traten am Monte Toc unübersehbare Alarmzeichen auf (aufklaffende Spalten, Erdstöße, schrägstehende Bäume): Die gemessene Rutschgeschwindigkeit überstieg 20 Zentimeter pro Tag (am 8. Oktober rund 20 cm/Tag, am 9. Oktober stellenweise bis zu 40–80 cm/Tag), bis der Wasserspiegel am Abend des 9. Oktober 1963 bei 700,4 m s.l.m. (rund 115 Mio. m³ Stauvolumen) stand.

    Fundstelle: Q1 (Abschnitt „9 ottobre 1963“: Pegel 700,4 m s.l.m., 115 Mio. m³ Wasser); Q2 (Abs. 4–5: Risse, Bäume, > 20 cm/Tag, 115 Mio. m³); Q4 (Abschnitt „The Slide“: ~20 cm/day am 8. Oktober, bis zu 80 cm am 9. Oktober)

    [Q1]↓ [Q2]↓ [Q4]↓

  8. C8widersprüchlich

    Am Mittwoch, dem 9. Oktober 1963, um 22:39 Uhr brach die Nordflanke des Monte Toc auf einer Länge von rund 2 Kilometern und einer Fläche von ca. 2 km² als zusammenhängender Felsblock ab: Je nach Quelle glitten 260 Mio. m³ (MIT Dighe, Protezione Civile, ASDSO) bzw. 270 Mio. m³ (IUGS) Gestein innerhalb von 20 bis 25 Sekunden (MIT Dighe) bzw. unter 45 Sekunden (IUGS, ASDSO) mit einer Spitzengeschwindigkeit von 20 bis 30 m/s (rund 72 bis 108 km/h) in den Stausee und türmten sich am Gegenhang bis zu 150 m über dem alten Seeboden auf.

    Fundstelle: Q1 (22:39 Uhr, 260–270 Mio. m³, 20–25 s, 20–25 m/s); Q2 (22:39 Uhr, > 260 Mio. m³, wenige Dutzend Sekunden, ~100 km/h); Q3 (270 Mio. m³, 2 km², < 45 s, bis 30 m/s); Q4 (22:39 Uhr, 260 Mio. m³, < 45 s)

    [Q1]↓ [Q2]↓ [Q3]↓ [Q4]↓

  9. C9widersprüchlich

    Der Einschlag der Felsmasse verdrängte schlagartig rund 50 Millionen Kubikmeter Wasser: Eine erste Teilwelle brandete am nördlichen Gegenhang bis auf rund 930 m s.l.m. (über 200 m über den Seespiegel) zu den hochgelegenen Dörfern Casso und Erto empor, während eine zweite Teilwelle von rund 25 Millionen Kubikmetern (ASDSO: 20.000 acre-feet ≈ 24,7 Mio. m³) mit einer Scheitelhöhe von über 100 bis 150 Metern (stellenweise bis 240 m) die 261,6 m hohe Bogenstaumauer überströmte.

    Fundstelle: Q1 (Brandungswelle bis ~930 m s.l.m. bei Casso, ~25 Mio. m³ über die Mauerkrone); Q2 (~50 Mio. m³ verdrängtes Wasser in zwei Wellen gegen Erto/Casso und ins Piave-Tal); Q3 (Mega-Tsunami über die Mauerkrone); Q4 (20.000 acre-feet ≈ 24,7 Mio. m³, Wellenhöhe 100–150 m bzw. bis 240 m)

    [Q1]↓ [Q2]↓ [Q3]↓ [Q4]↓

  10. C10gesichert

    Obwohl die Bewohner von Erto und Casso wegen des monatelangen Grollens im Berg und der aufreißenden Erdspalten wiederholt vor einer Katastrophe gewarnt und Geologen wie Edoardo Semenza auf die urzeitliche Gleitfläche hingewiesen hatten, unterblieb am Abend des 9. Oktober 1963 eine Evakuierung des unterhalb gelegenen Piave-Tals, weil die Verantwortlichen auf die Ergebnisse der Modellversuche von Nove vertrauten.

    Fundstelle: Q1 (Gutachten Edoardo Semenza, Fehleinschätzung nach Nove-Modell); Q2 (Warnzeichen in Erto und Casso); Q4 (Abschnitt „The Slide“ & „Lessons Learned“: fehlende Vorwarnung im Piave-Tal); Q5 (Gutachten & Prozessakten); Q6 (Abs. 3–5: Warnungen der Bewohner von Erto und Casso)

    [Q1]↓ [Q2]↓ [Q4]↓ [Q5]↓ [Q6]↓

  11. C11gesichert

    Die doppelt gekrümmte Beton-Bogenstaumauer von Carlo Semenza überstand die einwirkenden Kräfte des Bergsturzes und der Flutwelle strukturell nahezu unbeschadet – lediglich die Kronenstraße mit dem Kontrollsteg wurde weggerissen –, während die ins Piave-Tal hinabstürzende Wassermasse und die vorauslaufende Luftdruckwelle binnen vier Minuten die Kleinstadt Longarone sowie die Ortsteile Pirago, Rivalta, Villanova, Faè und Codissago fast vollständig ausradierte.

    Fundstelle: Q1 (Staumauer bis auf Kronenstraße intakt, Zerstörung von Longarone und Nachbarorten); Q2 (Intakte Staumauer, zerstörte Orte Longarone, Pirago, Rivalta, Villanova, Faè, Codissago); Q3 & Q4 (Intakte Bogenstaumauer, totale Verwüstung von Longarone); Q6 (Augenzeugenbericht vom 10.10.1963)

    [Q1]↓ [Q2]↓ [Q3]↓ [Q4]↓ [Q6]↓

  12. C12widersprüchlich

    Zur Gesamtzahl der Todesopfer der Vajont-Katastrophe nennen die Fach- und Behördenquellen leicht abweichende Zahlen: Das italienische Infrastrukturministerium (MIT Dighe) und die Quellenedition der BEIC beziffern die Zahl auf 1.910 Tote (darunter auch die Arbeiter auf der Mauerkrone), der italienische Zivilschutz (Protezione Civile) nennt 1.917 Tote, die IUGS und der Deutschlandfunk sprechen gerundet von rund bzw. fast 2.000 Toten, und die US-Fachbehörde ASDSO (ebenso im Deutschlandfunk erwähnt) führt „upwards of 2,056“ (bis zu 2.056) Todesopfer an.

    Fundstelle: Q1 (1.910 Tote); Q2 (1.917 Tote); Q3 („nearly 2,000 casualties“); Q4 („upwards of 2,056 people“); Q5 (1.910 Tote); Q6 („fast 2000 Menschen“, „manche Schätzungen gehen von 2056 Toten aus“)

    [Q1]↓ [Q2]↓ [Q3]↓ [Q4]↓ [Q5]↓ [Q6]↓

  13. C13gesichert

    Vor Beginn des Hauptprozesses nahm sich Bauleiter Mario Pancini 1968 das Leben; im Strafprozess von L'Aquila (1969) und im letztinstanzlichen Urteil des Kassationsgerichtshofs in Rom vom 25. März 1971 wurden unter anderem SADE-/ENEL-Direktor Alberico Biadene und der leitende Beamte des Ministeriums für öffentliche Arbeiten Francesco Sensidoni wegen fahrlässiger Herbeiführung einer Flutkatastrophe und vielfacher fahrlässiger Tötung zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie die Vorhersehbarkeit des Hangabgangs schuldhaft verkannt hatten.

    Fundstelle: Q1 (Abschnitt „Il processo“: Verfahren in L'Aquila 1969, Kassationsurteil Rom März 1971, Verurteilung von Alberico Biadene und Francesco Sensidoni); Q4 (Abschnitt „Lessons Learned / Aftermath“: Suizid Mario Pancinis 1968, Strafprozess); Q5 (Prozessakten)

    [Q1]↓ [Q4]↓ [Q5]↓

  14. C14gesichert

    Die 261,6 Meter hohe Staumauer des Vajont steht bis heute ohne Stausee vor dem über 260 Millionen Kubikmeter großen Schuttberg des Monte Toc; die International Union of Geological Sciences (IUGS) nahm die Rutschung des Vajont 2022 als Lehrbeispiel für vom Menschen ausgelöste geologische Großkatastrophen in die Liste der „First 100 IUGS Geological Heritage Sites“ (#35) auf.

    Fundstelle: Q1 & Q2 (Heutiger Zustand der Staumauer und Gedenkstätte); Q3 (IUGS First 100 Geological Heritage Sites #35, 2022)

    [Q1]↓ [Q2]↓ [Q3]↓