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Mitholz 1947: Die Nacht, in der die Fluh explodierte
Ein geheimes Munitionslager im Kandertal, neun Tote – und mehrere tausend Tonnen Munition, die der Bund bis 2047 aus dem Berg holen will
Quick Story · Video · 60 Sek.
Mitholz 1947: Die Nacht, in der die Fluh explodierte
In der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947 explodierte im Berner Oberland ein Munitionslager, von dem die Öffentlichkeit bis dahin nichts wissen sollte.
In der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947 explodierte im Berner Oberland ein Munitionslager, von dem die Öffentlichkeit bis dahin nichts wissen sollte. Die Armee hatte es während des Zweiten Weltkriegs in die Fluh oberhalb des Dorfes Mitholz im Kandertal gebaut, eine Felswand an der Lötschberg-Bergstrecke der BLS. Neun Menschen starben, mehr als 200 verloren ihr Zuhause [1,3,4,8,10,11]. Grosse Teile der Munition liegen bis heute im Berg. Der Bund will sie bis voraussichtlich 2047 herausholen, und die Bewohnerinnen und Bewohner im Sicherheitsperimeter müssen dafür ihr Dorf verlassen [2,1,14].
Dieser Text stützt sich vor allem auf Akten und Berichte des Bundes: das Dossier der Armee [1], die Projektseite des VBS [2], die Risikoanalyse von 2018 [3], die Historische Untersuchung von Kellerhals + Haefeli aus dem Jahr 2010 [4], den Bericht der Arbeitsgruppe Mitholz [5], den Schlussbericht der Expertengruppe [6] und den Projektauftrag [7]. Dazu kommen die Gemeinde Kandergrund [8,9] sowie Beiträge von SRF und swissinfo [10,11,12]. Wo diese Quellen sich widersprechen, steht das im Text.
Ein Lager, das es offiziell nicht gab
Zwischen 1941 und 1945 trieb die Armee sechs Kammern in den Fels der Fluh. Jede war rund 150 Meter lang, die Historische Untersuchung nennt genau 149 Meter, und 8,5 Meter breit. Die Anlage war geheim.
Zwischen 1941 und 1945 trieb die Armee sechs Kammern in den Fels der Fluh. Jede war rund 150 Meter lang, die Historische Untersuchung nennt genau 149 Meter, und 8,5 Meter breit. Die Anlage war geheim [1,4]. Erschlossen wurde sie über einen 8 Meter breiten Bahnstollen. Er lag rund 20 Meter tief im Fels, verlief parallel zur Felswand und damit rechtwinklig zu den Kammern, die über Vorräume an ihn angeschlossen waren [4]. Die Güterwagen konnten so direkt von der Lötschberglinie in den Berg fahren.
Ende 1947 lagerten dort rund 7000 Bruttotonnen Munition. Dazu gehörten Artilleriemunition, Minen, Munition für die Fliegerabwehr und 50-Kilogramm-Fliegerbomben [1,4,5,10]. „Brutto“ meint laut Risikoanalyse das ganze Munitionsgewicht, also Geschosse und Hüllen samt Sprengstoff, Treibladungspulver und Verpackung. Darin steckten insgesamt rund 1500 Tonnen Sprengstoff und Treibladungspulver [3]. Eine genaue Aufstellung, was in welcher Kammer lag, gibt es nicht mehr. Die Inventarliste wurde bei der Explosion selbst zerstört [1,4,5,10].
Die Nacht vom 19. auf den 20. Dezember
Den Ablauf der Nacht kennen wir vor allem aus der Untersuchung von 1947 bis 1949. Die Risikoanalyse von 2018 zitiert sie ausführlich und hält fest, diese Darstellung gelte als gesichert und glaubwürdig.
Den Ablauf der Nacht kennen wir vor allem aus der Untersuchung von 1947 bis 1949. Die Risikoanalyse von 2018 zitiert sie ausführlich, nach einem Bericht von Cruchaud aus dem Jahr 1969, und hält fest, diese Darstellung gelte als gesichert und glaubwürdig [3]. Schon gegen 23.10 Uhr sahen Einwohner im Kandertal Lichterscheinungen, ein Zeuge dunkle Flammen aus dem Eisenbahntor [3,4]. Ab etwa 23.15 Uhr weckten Geräusche die Menschen in Mitholz. Sie verglichen sie „mit dem Rollen einer Camionkolonne oder dem Sturz einer Lawine“ [3].
Dann folgten die Explosionen. Der Bericht beschreibt die erste wörtlich so:
„Um 23 h 30 fand eine erste grosse Explosion statt. Flammen traten aus allen Toren aus, zeitweilig Stichflammen von mässiger Länge (bis etwa 30 m lang) oder ruhige Flammen, die in die Höhe loderten und über der Wand Tannen entzündeten.“
Um 23.35 Uhr kam die zweite grosse Explosion. Die Erdbebenwarte in Zürich, 115 Kilometer entfernt, registrierte sie [3]. Ein Hagel aus Geschossen und Steinen ging auf das Dorf nieder. Um 0.10 Uhr am 20. Dezember folgte die dritte und grösste Explosion. Danach stürzte der nördliche Teil der Fluh ein [3,4,10]. Laut Bericht war der Ausschlag des Seismographen in Zürich dreieinhalbmal grösser als bei der zweiten Explosion [3]. Ganz vorbei war es danach nicht: Bis zum 28. Dezember waren schwächere und stärkere Explosionen zu hören, Steinschläge auf den Felsschutt gab es bis zum 30. Dezember [3].
Neun Tote, ein zerstörtes Dorf
Neun Menschen kamen ums Leben, mehr als 200 wurden obdachlos. In diesen Zahlen stimmen die Quellen überein.
Neun Menschen kamen ums Leben, mehr als 200 wurden obdachlos. In diesen Zahlen stimmen die Quellen überein: Armee-Dossier, Historische Untersuchung, Risikoanalyse, Gemeinde und SRF [1,3,4,8,10,11]. SRF und swissinfo nennen vier Kinder unter den Toten [10,12]. Der Bericht des damaligen Gemeindepräsidenten nennt „zwei Grosskindern und das Pflegekind“ sowie den Sohn des Stationsvorstands, ohne dessen Alter [9]. Das ist mit vier Kindern vereinbar, bestätigt die Zahl aber nicht. Amtliche Quellen nennen dazu nichts. Die Namen der Opfer nennen wir bewusst nicht.
Weniger einheitlich ist die Zahl der Verletzten. SRF nannte 2018 sieben Verletzte, das VBS-Dossier spricht von „Dutzenden“, SRF 2020 von „vielen“, swissinfo von „mehrere Verletzte“ [11,1,10,3,12]. Eine verlässliche Gesamtzahl haben wir nicht gefunden.
Auch die Schäden an Gebäuden werden unterschiedlich beziffert. Die Historische Untersuchung zählt 39 Häuser mit Totalschaden und 66 teilweise zerstörte [4]. Das VBS schreibt von „über 40 Häusern“, die beschädigt und von denen 20 neu aufgebaut wurden. Swissinfo nennt bis zu 100 Gebäude [4,1,12].
Die Station Blausee-Mitholz wurde zerstört. Trümmer und Geschosse flogen rund 1,8 Kilometer weit, nach anderen Angaben bis zu 2 Kilometer. Ein Krater von etwa 15 Metern Durchmesser entstand [4,9,10]. Diese Angaben stammen aus der Historischen Untersuchung, dem Bericht des damaligen Gemeindepräsidenten Eduard Kleinjenni und SRF. Sie sind nicht in jedem Punkt deckungsgleich, deshalb gelten sie als plausibel.
Die Erinnerung einer Neunjährigen
Regina Trachsel war 1947 neun Jahre alt. In der Nacht floh sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern durch den Wald.
Regina Trachsel war 1947 neun Jahre alt. In der Nacht floh sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern durch den Wald [11]. Mehr als siebzig Jahre später erzählte sie SRF, wie überstürzt das ging:
«Ich erwischte die Hose meines Bruders, hatte aber immerhin warm. Meine Schwester zog sich aber die Pantoffeln meiner Mutter über. Diese verlor sie dann auf der Flucht durch den Wald und hatte furchtbar kalt.»
Wie viel ist explodiert?
Auf diese Frage gibt es bis heute keine einheitliche Antwort.
Auf diese Frage gibt es bis heute keine einheitliche Antwort [5,3,4,10,12]. Das Eidgenössische Militärdepartement nannte an einer Pressekonferenz am 23. Dezember 1947 rund 3000 Tonnen [4]. SRF schreibt von etwa der Hälfte, an anderer Stelle: „Rund 4000 von 7000 Tonnen eingelagerter Munition explodieren oder verbrennen.“ [10] Die Arbeitsgruppe Mitholz schreibt 2020, explodiert seien „rund 840 der insgesamt rund 7'000 Bruttotonnen eingelagerten Munition“ [5]. In der Bilanz der Risikoanalyse von 2018 erscheinen rund 360 Tonnen detonierter Sprengstoff und rund 480 Tonnen verbranntes Pulver [3].
Woher die grosse Differenz zwischen der Schätzung von 1947 und der von 2020 kommt, erklären die Quellen nicht. Wir stellen die Zahlen deshalb nebeneinander, ohne eine davon für richtig zu erklären.
Eines ist sicher: Die Explosion hat den Berg nicht leer geräumt. Die Felswand stürzte ein, im Norden rund 240 000 Kubikmeter, im Süden rund 15 000 Kubikmeter. Swissinfo spricht gerundet von rund 250 000 Kubikmetern. Der Schutt verschüttete den Bahnstollen. Die Kammern selbst hielten der Explosion stand [4,12]. Gerade das macht Mitholz bis heute gefährlich: Ein grosser Teil der Munition wurde nicht vernichtet, sondern unter Fels begraben.
Die Ursache: bis heute offen
Was die Kettenreaktion auslöste, ist nicht abschliessend geklärt.
Was die Kettenreaktion auslöste, ist nicht abschliessend geklärt [4,3,6]. Die Historische Untersuchung von 2010 nennt als wahrscheinlichste Ursache eine spontane Explosion von Kupferazid in Zündern [4]. Es entsteht, wenn sich aus Bleiazid im Zünder Stickstoffwasserstoffsäure abspaltet und mit Kupferoberflächen in Kontakt kommt. Kupferazid ist ein Initialsprengstoff [3]. Die Risikoanalyse von 2018 führt diese Erklärung als Haupthypothese [3].
Die Expertengruppe des VBS hat Zünder aus Mitholz 2022 und 2023 untersucht. Ihr Schlussbericht formuliert vorsichtig:
„Es ist davon auszugehen, dass durch chemische Umwandlung von Bleiazid, in verschiedenen Zündertypen Beläge von empfindlichem Kupferazid vorhanden sind. Bei den bisher untersuchten Zünderteilen von einzelnen Zündern konnte jedoch noch kein Kupferazid nachgewiesen werden“
Die gängige Erklärung bleibt also eine Hypothese. Für die Räumung ist das keine Nebensache: Wer Zünder aus dem Schutt holt, muss davon ausgehen, dass sie empfindlicher sind als frische Munition.
Aufräumen, versenken, weiternutzen
Nach der Katastrophe begann eine erste Räumung. Rund 80 Tonnen Munition wurden vor Ort gesprengt. Rund 1400 Tonnen wurden im Thunersee versenkt.
Nach der Katastrophe begann eine erste Räumung. Rund 80 Tonnen Munition wurden vor Ort gesprengt. Rund 1400 Tonnen, die Historische Untersuchung nennt genau 1403 Tonnen, wurden im Thunersee versenkt [4]. SRF nennt rund 1500 Tonnen [4,10]. Die Munition im Thunersee ist ein eigenes Thema, das hier nur am Rand vorkommt.
Wie viel danach im Berg blieb, ist ebenfalls nicht eindeutig [3,2,4]. Die Historische Untersuchung schätzte 2010 rund 4780 Tonnen [4]. Die Risikoanalyse von 2018 rechnet mit bis zu 3500 Bruttotonnen, darin einige hundert Tonnen Sprengstoff [3]. Auf diese Zahl stützt sich auch die heutige Projektseite des VBS [2].
Lange galt die Lage als beherrschbar. Risikobeurteilungen von 1949 und 1986 führten dazu, dass die Anlage weiter genutzt wurde. Ab 1987 dienten Teile davon als Lager der Armeeapotheke und als Truppenunterkunft [5,1,7]. Die Wende kam mit der Planung eines neuen Rechenzentrums: In diesem Zusammenhang gab das VBS 2018 eine neue Risikoanalyse in Auftrag [5]. Sie stufte das Risiko für Bevölkerung, Bahn und Strasse als teilweise nicht akzeptabel ein [5,1,7]. Auch für die Truppenunterkunft und die Armeeapotheke bezeichnete sie die Risiken als nicht zulässig [3].
Räumung bis 2047
2020 entschied sich der Bundesrat für eine Räumung. National- und Ständerat bewilligten 2023 einen Verpflichtungskredit von 2,59 Milliarden Franken.
2020 entschied sich der Bundesrat für eine Räumung. Im November 2022 verabschiedete er die Botschaft ans Parlament. National- und Ständerat bewilligten 2023 einen Verpflichtungskredit von 2,59 Milliarden Franken [1,7]. Als Rückfallposition plant das VBS eine Überdeckung des Geländes, falls die Räumung technisch oder aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden muss [2].
Die Projektseite des VBS (Stand 20. August 2026) teilt die Arbeiten in vier Phasen [2]:
- 2023–2026: Vorausmassnahmen
- 2027–2036: Schutzmassnahmen für Bevölkerung, Bahn und Strasse, Vorbereitung der Räumung
- 2037–2043: Räumung und Entsorgung der Munitionsrückstände
- 2044–2047: Instandsetzung des Geländes und Wiederbesiedlung von Mitholz
Das Projektende hat sich damit verschoben. Ursprünglich war 2045 geplant, jetzt rechnet das VBS mit voraussichtlich 2047 [2,1,14]. Bis Ende Juni 2026 wurden rund 69 000 Quadratmeter Weideflächen von Munitionsrückständen geräumt [2,1,14]. Ein neuer Zugang zum Sackstollen, dem hinteren Teil des verschütteten Bahnstollens, wurde gesichert. Das Plangenehmigungsverfahren für die Schutzmassnahmen der Bahn soll im Dezember 2026 beginnen, das für Strasse und Räumung voraussichtlich Anfang 2029 [2]. Die Gesamtbeurteilung des Projekts per 30. Juni 2026 lautet „Knapp“ [2]. Noch im Oktober 2025 hatte das VBS den Start des Verfahrens für Mitte 2026 angekündigt [13]; im Mai 2026 nannte armasuisse dann Dezember 2026 und bestätigte die Verschiebung des Endtermins auf 2047 [2,1,14].
Was vor Ort schon geschehen ist: Im Juni 2025 wurden die Hohlräume im ehemaligen Bahnstollen temporär verfüllt. Bis Ende September 2025 räumte das Kommando KAMIR rund 30 000 Quadratmeter und barg 69 Munitionsobjekte mit Kalibern über 20 Millimeter [13]. Untersuchungen ergaben 2026, dass im Schuttkegel vor der Fluh rund 350 000 Kubikmeter stark bis sehr stark schadstoffbelastetes Material liegen. Für die Triage entsteht eine Testanlage, für nicht transportsichere Munition ein Sprengbunker, der voraussichtlich ab 2027 bereitsteht [14,15]. Wie viel noch im Berg steckt, zeigte eine Sondiergrabung im Sackstollen ab Juni 2026: Auf rund 44 Quadratmetern kamen rund 1450 Munitionsobjekte mit zusammen 5170 Kilogramm zum Vorschein, nominal rund 580 Kilogramm Explosivstoff, darunter drei 50-Kilogramm-Fliegerbomben. Ab Mitte August 2026 wird auch dieser Stollenteil temporär verfüllt [15].
Für die Menschen in Mitholz bedeutet das den Wegzug. Wer im Sicherheitsperimeter wohnt, muss das Dorf für die Dauer der Arbeiten verlassen [2,1,14]. Die Gemeinde Kandergrund informiert auf einer eigenen Projektseite über den Stand [8]. Im Juni 2026 stimmte die Gemeindeversammlung dem Verkauf der Gemeindeliegenschaften an das VBS zu, darunter Schulhaus und Turnhalle [15]. Ein Dorf, das 1947 von einer Explosion zerstört und danach wieder aufgebaut wurde, muss also gut achtzig Jahre später ein zweites Mal geräumt werden, diesmal geplant.
Die Zahlen im Vergleich
Wo die Quellen auseinandergehen, stellen wir die Werte nebeneinander.
Wo die Quellen auseinandergehen, stellen wir die Werte nebeneinander.
| Größe | Wert |
|---|---|
| Kinder unter den Toten | vier [10,12]; zwei Grosskinder, ein Pflegekind und der Sohn des Stationsvorstands ohne Altersangabe, vereinbar mit vier [9] |
| Verletzte | 7 [11]; „Dutzende“ [1]; „viele“ [3,10]; „mehrere“ [12] |
| Beschädigte Häuser | 39 Totalschäden und 66 teilbeschädigt [4]; „über 40 Häuser“ [1]; bis zu 100 Gebäude [12] |
| Explodierte Menge | rund 840 t brutto [5]; rund 3000 t [4]; „etwa die Hälfte“ bzw. rund 4000 t explodiert oder verbrannt [10] |
| Im Thunersee versenkt | 1403 t [4]; rund 1500 t [10] |
| Restmenge im Berg | rund 4780 t [4]; bis zu 3500 t brutto [3,2] |
| Felssturz | rund 240 000 m³ Nord und 15 000 m³ Süd [4]; rund 250 000 m³ [12] |
| Geborgen im Sackstollen 2026 | rund 1450 Objekte, 5170 kg [15] |
Chronik
| Datum | Ereignis | Claim |
|---|---|---|
| 1941–1945 | Bau des geheimen Munitionslagers in der Fluh | [1,4] |
| 19.12.1947 · ab ca. 23.15 Uhr | Geräusche „wie von einer Camionkolonne“ | [3,4,10] |
| 19.12.1947 · 23.30 / 23.35 Uhr | Erste und zweite grosse Explosion | [3,4,10] |
| 20.12.1947 · 0.10 Uhr | Grösste Explosion, Nordteil der Fluh stürzt ein | [3,4,10,12] |
| nach 1947 | Rund 80 t gesprengt, rund 1400 t im Thunersee versenkt | [4,10] |
| 1949, 1986 | Risikobeurteilungen, Anlage wird weiter genutzt | [5,1,7] |
| ab 1987 | Armeeapotheke und Truppenunterkunft | [5,1,7] |
| 2018 | Risikoanalyse: Risiko teilweise nicht akzeptabel | [5,1,7] |
| 2020 | Bundesrat entscheidet für Räumung | [1,7] |
| 2023 | Parlament bewilligt 2,59 Mrd. Franken | [1,7] |
| Juni 2025 | Bahnstollen temporär verfüllt | [13] |
| 2026 | Sondiergrabung im Sackstollen, Verfahren Bahn ab Dezember | [2,1,14,15] |
| bis ca. 2047 | Räumung, Instandsetzung, Wiederbesiedlung | [2,1,14] |
Was wir wissen – und was offen ist
Gesichert: Bau 1941–1945 und Aufbau der Anlage [1,4]; rund 7000 Bruttotonnen eingelagert [1,4,5,10]; der zeitliche Ablauf der Nacht [3,4,10]; neun Tote und mehr als 200 Obdachlose [1,3,4,8,10,11]; Felssturz und intakte Kammern [4,12]; Weiternutzung und Risikobewertung 2018 [5,1,7]; Beschlüsse und Kredit [1,7]; Zeitplan bis 2047 [2,1,14].
Gesichert (Räumungsstand 2025/2026): Verfüllung des Bahnstollens und erste Flächenräumung [13]; Schadstoffbefund und Anlagen vor Ort [14,15]; Funde im Sackstollen [15]; Verkauf der Gemeindeliegenschaften [15].
Plausibel, aber nicht unabhängig bestätigt: Zerstörung der Station, Wurfweite und Krater [4,9,10].
Widersprüchlich: Zahl der Verletzten [11,1,10,3,12]; Zahl der zerstörten Häuser [4,1,12]; Menge der explodierten Munition [5,3,4,10,12]; Menge der im Thunersee versenkten Munition [4,10]; Menge der verbliebenen Munition [3,2,4].
Unbestätigt: Zahl der Kinder unter den Toten [10,12,9].
Ungeklärt: die Ursache der Explosion [4,3,6].
Quellen & Faktencheck
[1]Q1primaryEhemaliges Munitionslager Mitholz (Dossierseite mit Chronik und Dokumenten)
Schweizer Armee / Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS · 2026-01-07 · S. Abschnitte „Explosionskatastrophe 1947“ und „Geschichte der Anlage“
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Belege C1, C3, C5, C7, C8, C15, C16, C17
[2]Q2primaryProjekt ehemaliges Munitionslager Mitholz
Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS · 2026-08-20 · S. Abschnitte Projektziel, Zeitplan und Projektstand
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Belege C14, C17
[3]Q3primaryEhemaliges Munitionslager Mitholz – Schlussbericht Risikoanalyse (Version 1.1)
Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS · 2018-09-27 · S. S. 15–18 (Kap. 4.4 Explosionsereignis 1947, Munitionsbilanz)
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Belege C4, C5, C7, C9, C12, C14
[4]Q4academicEhemaliges Munitionslager Mitholz – Historische Untersuchung
Kellerhals + Haefeli AG, Bern, im Auftrag von armasuisse Immobilien, Kellerhals + Haefeli AG · 2010 · S. PDF-S. 5, 11, 14–18 (Anlage, Ablauf, Schäden, Räumung), PDF-S. 36 (Anhang 3, EMD-Pressekonferenz 23.12.1947); alle Seitenangaben nach PDF-Zählung
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Belege C1, C2, C3, C4, C5, C8, C9, C10, C11, C12, C13, C14
[5]Q5primaryEhemaliges Munitionslager Mitholz – Bericht der Arbeitsgruppe Mitholz
Generalsekretariat VBS, Raum und Umwelt VBS · 2020-10-21 · S. S. 3 (Ausgangslage)
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Belege C3, C9, C15
[6]Q6primarySchlussbericht per Ende April 2024 der Expertengruppe VBS – Zusammenstellung Ergebnisse technische Untersuchungen mit Fokus Munition 2022/23 (V 1.3)
Generalsekretariat VBS (GS-VBS), Projekt Mitholz · 2024-12-17 · S. S. 9
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Belege C12
[7]Q7primaryProjektauftrag Räumung ehemaliges Munitionslager Mitholz (Stand Januar 2026)
armasuisse / VBS · 2026-01 · S. Kap. Ausgangslage
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Belege C15, C16
[8]Q8primaryProjekt Mitholz
Gemeinde Kandergrund · S. Einleitung
Originalquelle öffnenArchiv-Link
Belege C5
[9]Q9archiveGemeindepräsident Eduard Kleinjenni berichtet über die Explosionskatastrophe in Mitholz vom 19./20. Dezember 1947
Gemeinde Kandergrund (Digitalisat), Eduard Kleinjenni · 1947/1948 (Abfassungsdatum im Dokument nicht genannt) · S. S. 1
Belege C6, C11
[10]Q10pressMunitionsunglück in Mitholz – Als der Berg explodierte
Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) · 2020-02-25 · S. Gesamter Artikel
Originalquelle öffnenArchiv-Link
Belege C3, C4, C5, C6, C7, C9, C11, C13
[11]Q11pressExplosionen in Mitholz – Die Erinnerungen kommen wieder hoch
Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) · 2018-07-01 · S. Abschnitt vor „Beim Erzählen erwachen die schrecklichen Bilder“
Originalquelle öffnenArchiv-Link
Belege C5, C7, C18
[12]Q12press#SwissHistoryPics: Kandertal – als die Nacht explodierte
swissinfo.ch (SRG SSR) · 2017-12-19 · S. Gesamter Artikel
Originalquelle öffnenArchiv-Link
Belege C6, C7, C8, C9, C10
[13]Q13primaryEhemaliges Munitionslager Mitholz: Plangenehmigungsverfahren startet ab Mitte 2026 (Medienmitteilung)
Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS · 2025-10-30 · S. Gesamte Medienmitteilung
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Belege C19
[14]Q14primarySchadstoffuntersuchungen bestätigen Planungshypothese (Medienmitteilung)
armasuisse / VBS · 2026-05-28 · S. Abschnitte „Grosse Mengen schadstoffbelastetes Material im Schuttkegel“ und „Start des Plangenehmigungsverfahrens für die Schutzmassnahmen Bahn im Dezember 2026“
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Belege C17, C20
[15]Q15primaryRäumung ehemaliges Munitionslager Mitholz – Sachstandbericht 2/2026
armasuisse, Projektleitung Mitholz · 2026-08-13 · S. S. 1 (Kap. 1), S. 2 (Kap. 1.3–1.4), S. 3 (Kap. 2.2), S. 4 (Kap. 3.2)
Belege C20, C21, C22
Alle 22 geprüften Aussagen & Einzelbelege (C1–C22) im Detail anzeigen
C1gesichert
Das Munitionslager in der Fluh bei Mitholz wurde 1941–1945 in den Fels gebaut; es umfasste sechs Kammern von je rund 150 m Länge (149 m) und 8,5 m Breite und war geheim.
Fundstelle: Q1 Abschnitt „Geschichte der Anlage“ (Bau, Kammern, „Das Munitionslager war geheim“); Q4 PDF-S. 14 (Bau 1941–1945, 149 m × 8,5 m)
C2gesichert
Ein 8 m breiter Bahnstollen verlief rund 20 m tief im Fels parallel zur Felswand und rechtwinklig zu den Kammern; die Kammern waren über Vorräume mit ihm verbunden.
Fundstelle: Q4 PDF-S. 14
C3gesichert
Eingelagert waren rund 7000 Bruttotonnen Munition, darunter Artilleriemunition, Minen, Flab-Munition und 50-kg-Fliegerbomben; die Inventarliste wurde bei der Explosion zerstört.
Fundstelle: Q1 Abschnitt „Explosionskatastrophe 1947“; Q4 PDF-S. 14; Q5 S. 3
C4gesichert
Ablauf: ab etwa 23.15 Uhr Geräusche wie von einer Camionkolonne, 23.30 Uhr erste grosse Explosion, 23.35 Uhr zweite, um 0.10 Uhr die grösste; danach brach der nördliche Teil der Fluh ein.
Fundstelle: Q3 S. 15 (Kap. 4.4.1, Zitat Cruchaud 1969); Q4 PDF-S. 15 (Lichterscheinungen ca. 23.10 Uhr)
C5gesichert
Neun Menschen starben; mehr als 200 Menschen wurden obdachlos.
Fundstelle: Q1 Abschnitt „Explosionskatastrophe 1947“; Q4 PDF-S. 5; Q3 Zusammenfassung
C6unbestätigt
Laut SRF und swissinfo waren unter den neun Toten vier Kinder; der Bericht des damaligen Gemeindepräsidenten (zwei Grosskinder, ein Pflegekind, Sohn des Stationsvorstands ohne Alter) ist damit vereinbar, bestätigt die Zahl aber nicht.
Fundstelle: Q10 Abschnitt zur Unglücksnacht; Q12 Fliesstext; Q9 S. 1
C7widersprüchlich
Die Zahl der Verletzten ist uneinheitlich: 7 (SRF 2018), „Dutzende“ (VBS-Dossier), „viele“ (SRF 2020), „mehrere“ (swissinfo).
Fundstelle: Q11 Abschnitt „Die Unglücksnacht“; Q1 Abschnitt „Explosionskatastrophe 1947“; Q10; Q3 Zusammenfassung („viele Verletzte“); Q12 („mehrere Verletzte“)
C8widersprüchlich
Gebäudeschäden: 39 Häuser mit Totalschaden und 66 teilweise zerstört (Kellerhals + Haefeli), „über 40 Häuser“ beschädigt und 20 neu aufgebaut (VBS), bis zu 100 Gebäude (swissinfo).
Fundstelle: Q4 PDF-S. 16 (39 Totalschäden), Q4 Anhang S. 36 = PDF-S. 36 (66 teilbeschädigt); Q1 Abschnitt „Explosionskatastrophe 1947“; Q12
C9widersprüchlich
Wie viel explodierte, ist umstritten: rund 840 t (Arbeitsgruppe 2020; 360 t Sprengstoff detoniert plus 480 t Pulver verbrannt laut Bilanz 2018), rund 3000 t (EMD 1947), etwa die Hälfte bzw. rund 4000 von 7000 t explodiert oder verbrannt (SRF).
Fundstelle: Q5 S. 3; Q3 S. 18 (Bilanz Eichenberger); Q4 PDF-S. 36 (Anhang 3, EMD-Pressekonferenz 23.12.1947); Q10 („Rund 4000 von 7000 Tonnen“); Q12
C10gesichert
Die Felswand stürzte ein (rund 240 000 m³ im Norden, rund 15 000 m³ im Süden) und verschüttete den Bahnstollen; die Kammern selbst hielten der Explosion stand.
Fundstelle: Q4 PDF-S. 11 und PDF-S. 15 (gedruckt S. 7 und S. 11); Q12 (rund 250 000 m³)
C11plausibel
Die Station Blausee-Mitholz wurde zerstört; Trümmer und Geschosse flogen bis rund 1,8 km, nach anderen Angaben bis 2 km weit; ein Krater von rund 15 m Durchmesser entstand.
Fundstelle: Q4 PDF-S. 15–16; Q9 S. 1; Q10
C12unbestätigt
Die Ursache ist nicht abschliessend geklärt. 2010 galt Kupferazid in Zündern als wahrscheinlichste Ursache, 2018 als Haupthypothese; 2024 war an untersuchten Zünderteilen noch kein Kupferazid nachgewiesen.
Fundstelle: Q4 PDF-S. 15; Q3 S. 17 (Kap. 4.4.3); Q6 S. 9
C13widersprüchlich
Bei der Räumung nach 1947 wurden rund 80 t vor Ort gesprengt und rund 1400 t (1403 t) im Thunersee versenkt; SRF nennt rund 1500 t.
Fundstelle: Q4 PDF-S. 17–18; Q10
C14widersprüchlich
Im Berg liegen nach Risikoanalyse 2018 noch bis zu 3500 Bruttotonnen mit einigen hundert Tonnen Sprengstoff; die Historische Untersuchung 2010 hatte rund 4780 t geschätzt.
Fundstelle: Q3 Zusammenfassung und S. 18; Q2 Abschnitt Ausgangslage; Q4 PDF-S. 17
C15gesichert
Risikobeurteilungen 1949 und 1986 führten zur Weiternutzung; ab 1987 dienten Anlagenteile als Armeeapotheke und Truppenunterkunft. 2018 wurde das Risiko als teilweise nicht akzeptabel eingestuft.
Fundstelle: Q5 S. 3; Q1 Abschnitt „Geschichte der Anlage“; Q7 Kap. Ausgangslage
C16gesichert
Der Bundesrat beschloss 2020 die Räumung, 2022 folgte die Botschaft, 2023 bewilligte das Parlament einen Verpflichtungskredit von 2,59 Milliarden Franken.
Fundstelle: Q1 Chronik; Q7 Kap. Ausgangslage
C17gesichert
Zeitplan laut VBS (Stand 20.08.2026): Räumung und Wiederbesiedlung bis voraussichtlich 2047 statt 2045; Plangenehmigungsverfahren Schutzmassnahmen Bahn ab Dezember 2026, Strasse und Räumung voraussichtlich Anfang 2029; bis Ende Juni 2026 rund 69 000 m² Weideflächen geräumt; Bewohner im Sicherheitsperimeter müssen wegziehen; dank abgestufter Gefahrenzonen und Perimeter können mehr Personen bleiben als zunächst erwartet (Q1).
Fundstelle: Q2 Abschnitte Projektdauer und Projektbeurteilung; Q1 Einleitung (Wegzug der Bevölkerung); Q14 Abschnitt „Start des Plangenehmigungsverfahrens für die Schutzmassnahmen Bahn im Dezember 2026“
C18gesichert
Die Zeitzeugin Regina Trachsel war 1947 neun Jahre alt und floh mit Mutter und Geschwistern durch den Wald.
Fundstelle: Q11 Abschnitt vor „Beim Erzählen erwachen die schrecklichen Bilder“
C19gesichert
Die temporäre Verfüllung der Hohlräume im ehemaligen Bahnstollen wurde im Juni 2025 abgeschlossen; bis Ende September 2025 waren rund 30 000 m² geräumt und 69 Munitionsobjekte über 20 mm Kaliber geborgen. Im Oktober 2025 war das Plangenehmigungsverfahren noch ab Mitte 2026 geplant.
Fundstelle: Q13 Einleitung und Abschnitt zur Flächenräumung
C20gesichert
Im Schuttkegel vor der Fluh liegen rund 350 000 m³ stark bis sehr stark schadstoffbelastetes Material; vor Ort entstehen eine Testanlage zur Materialtriage und ein Sprengbunker, der voraussichtlich ab 2027 bereitsteht.
Fundstelle: Q14 Abschnitt „Grosse Mengen schadstoffbelastetes Material im Schuttkegel vor der Fluh“; Q15 S. 2 (Kap. 1.3–1.4)
C21gesichert
Bei Sondiergrabungen im Sackstollen ab Juni 2026 wurden auf rund 44 m² rund 1450 Munitionsobjekte mit 5170 kg Gesamtgewicht und nominal rund 580 kg Explosivstoff geborgen, darunter drei 50-kg-Fliegerbomben; ab Mitte August 2026 wird der Sackstollen temporär verfüllt.
Fundstelle: Q15 S. 3 (Kap. 2.2)
C22gesichert
Im Juni 2026 stimmte die Gemeindeversammlung Kandergrund dem Verkauf der Gemeindeliegenschaften, darunter Schulhaus und Turnhalle, an das VBS zu.
Fundstelle: Q15 S. 1 (Kap. 1)


