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Göbekli Tepe: Die Steinkreise der Eiszeit-Jäger
Bis zu 5,50 Meter hohe Kalksteinpfeiler, geritzte Kultschädel und warum die Forschung ihre eigene Tempel-These revidierte
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Göbekli Tepe: Die Steinkreise der Eiszeit-Jäger
Oktober 1994, fünfzehn Kilometer nordöstlich von Şanlıurfa in der Südosttürkei: Als der Prähistoriker Klaus Schmidt über das karge Kalksteinplateau der Germuş-Berge auf den dreihundert Meter breiten Erdhügel steigt, sucht er keine biblische Stadt und kein römisches Kastell. Unter einem einsamen Maulbeerbaum blickt er auf kantige, aus dem Boden ragende Kalksteinblöcke und tausende scharfkantige Feuersteinabschläge – Überreste einer monumentalen Steinzeit-Architektur, errichtet vor rund elftausendfünfhundert Jahren am Ende der letzten Eiszeit.
1. Der bauchige Hügel über der Harran-Ebene: Entdeckung eines Rätsels
Obwohl Göbekli Tepe bereits 1963 bei einer archäologischen Geländebegehung dokumentiert wurde, erkannte erst der deutsche Prähistoriker Klaus Schmidt im Oktober 1994 das wahre Alter der monumentalen T-Pfeiler aus dem 10. Jahrtausend v. Chr.
Auf dem höchsten Punkt der Germuş-Bergkette (Germuş Dağları), rund 15 Kilometer nordöstlich der südosttürkischen Provinzhauptstadt Şanlıurfa, erhebt sich auf rund 770 Metern über dem Meeresspiegel ein künstlicher Siedlungshügel (Tell) über das karge Kalksteinplateau [C1]↓↓ [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q6]↓↓. Auf Türkisch heißt der Ort Göbekli Tepe – der „bauchige Hügel“ oder „Nabelberg“ [C1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q6]↓↓. Mit einem Durchmesser von rund 300 Metern umfasst die bis zu 15 Meter hohe Aufschüttung aus roter Erde, Kalksteinbruch und vorgeschichtlichen Bauhorizonten eine Fläche von etwa neun Hektar [C1]↓↓ [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q6]↓↓. Erstmals erfasst wurde der Fundplatz 1963 beim Joint Istanbul-Chicago Universities Prehistoric Survey unter Halet Çambel und Robert J. Braidwood: Peter Benedict beschrieb zwar die vielen Feuersteinwerkzeuge (Silex), hielt die aus dem Boden ragenden Kalksteinplatten jedoch für mittelalterliche Grabsteine [C2]↓↓ [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q6]↓↓. Erst im Oktober 1994 erkannte der Prähistoriker Klaus Schmidt (1953–2014), der zuvor am Euphrat die verwandte Siedlung Nevalı Çori ausgegraben hatte, dass es sich um die Querhäupter monumentaler T-Pfeiler aus dem Präkeramischen Neolithikum (PPN) handelte [C2]↓↓ [C3]↓↓ [Q2]↓↓ [Q6]↓↓. Ab 1995 legten das Deutsche Archäologische Institut (DAI) und das Museum Şanlıurfa die Anlage systematisch frei [C2]↓↓ [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q6]↓↓.
2. Monumentale Rundbauten: T-Pfeiler, Steinbrüche und zwei Bauschichten
Zwischen rund 9600 und 8000 v. Chr. entstanden auf Göbekli Tepe mindestens 20 monumentale Rundbauten mit bis zu 5,50 Meter hohen Monolithen, die später von kleineren rechteckigen Pfeilerräumen abgelöst wurden.
Die neolithische Nutzungszeit von Göbekli Tepe umspannt rund 1.600 Jahre – vom Präkeramischen Neolithikum A (PPNA, ca. 9600–8700 cal BC) bis zum frühen und mittleren Präkeramischen Neolithikum B (EPPNB/MPPNB, ca. 8700–8000 cal BC) mit bis zu acht architektonischen Bauphasen [C3]↓↓ [Q1]↓↓ [Q5]↓↓ [Q6]↓↓. Die Gemeinschaften lebten noch vollständig von der Jagd (Gazellen, Auerochsen, Wildesel, Wildschweine) sowie dem Sammeln von Wildgetreide, Mandeln und Pistazien [C3]↓↓ [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q5]↓↓ [Q6]↓↓. Unter der Oberflächenschicht (Schicht I) folgen zwei Hauptbauhorizonte [C5]↓↓ [C11]↓↓ [Q2]↓↓ [Q6]↓↓:
| Bauphase (Schmidt / DAI) | Zeitstellung (kalibriert) | Architektonische Merkmale | Zentrale Befunde |
|---|---|---|---|
| Schicht III (PPNA bis Übergang EPPNB; feinchronologisch in mehrere Bauphasen gegliedert) | ca. 9600–8700 v. Chr. | Kreisförmige bis ovale Sondergebäude (10–30 m Durchmesser) mit Steinbänken, 10–12 Mauerpfeilern und zwei bis zu 5,50 m hohen Zentralpfeilern | Anlagen A, B, C, D im Südosten und Anlage H im Nordwesten; gleichzeitige runde Wohnbauten (domestic structures) |
| Schicht II (EPPNB / MPPNB; bis zu acht Bauphasen über die Gesamtlaufzeit) | ca. 8700–8000 v. Chr. | Dicht aneinandergereihte rechteckige Räume an den Hängen mit Terrazzoböden; kleinere, 1,5–2,0 m hohe T-Pfeiler | Über 70 freigelegte Rechteckbauten am Hang, darunter das „Löwenpfeilergebäude“ |
| Schicht I (Oberflächenhorizont) | nach 8000 v. Chr. | Erosions- und Oberflächenhorizont nach Aufgabe der Siedlung | Pflughorizont und Hangsedimente |
Geophysikalische Messungen und Ausgrabungen belegen mindestens 20 runde bis ovale Sondergebäude (ausgegraben u. a. Anlagen A, B, C, D und H), in denen ringförmige Mauern mit Sitzbänken und 3–4 Meter hohen Wandpfeilern jeweils zwei freistehende Zentralpfeiler umschließen [C4]↓↓ [C5]↓↓ [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q6]↓↓. In der besterhaltenen Anlage D (ca. 20 m Durchmesser) ragen die Zentralpfeiler 18 und 31 5,50 Meter hoch auf, wiegen je 8 bis 10 Tonnen und stehen in direkt aus dem Kalksteinfels gemeißelten Sockelpodesten (Anlage B besitzt stattdessen einen Terrazzoboden) [C5]↓↓ [C6]↓↓ [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q6]↓↓.
Sämtliche Monolithe wurden ohne Metallwerkzeuge ausschließlich mit Pick- und Klopfsteinen aus Feuerstein und Basalt aus den umliegenden Kalksteinplateaus geschlagen [C7]↓↓ [Q2]↓↓ [Q5]↓↓ [Q6]↓↓. Im Steinbruch auf dem Plateau liegt noch heute ein unvollendeter T-Pfeiler-Rohling im Fels, der fast 7 Meter Länge und ein geschätztes Gewicht von rund 50 Tonnen erreicht [C7]↓↓ [Q2]↓↓ [Q4]↓↓.
3. Versteinerte Versammlungen: Anthropomorphe Statuen und die bunte Eberstatue von 2023
Die T-Pfeiler von Göbekli Tepe sind überlebensgroße, gesichtslose Menschenstatuen, umgeben von bedrohlichen Wildtierreliefs und vollplastischen, farbig bemalten Tierskulpturen.
Die T-Form abstrahiert den menschlichen Körper (Querhaupt als Kopf, Schaft als Rumpf): An den Zentralpfeilern 18 und 31 in Anlage D führen angewinkelte Arme zu auf dem Bauch zusammengeführten Händen, darunter sitzen verzierte Gürtel und ein Lendenschurz aus Fuchsfell [C8]↓↓ [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q4]↓↓ [Q6]↓↓. Die bewusst gesichtslosen Monolithe verkörpern übermenschliche Wesen oder Ahnen [C8]↓↓ [Q2]↓↓ [Q3]↓↓ [Q6]↓↓.
Auf den Pfeilern drängen sich Flach- und Hochreliefs fast ausnahmslos männlicher, oft bedrohlicher Wildtiere: Raubkatzen und Leoparden, Füchse, wilde Keiler, Auerochsen, Gazellen, Wildesel, Schlangen, Skorpione, Spinnen sowie Wasservögel und Geier, ergänzt durch H- und Halbmond-Symbole [C9]↓↓ [Q2]↓↓ [Q4]↓↓ [Q6]↓↓.
Im Jahr 2023 entdeckten Archäologen in Anlage D auf einer mit einem H-Symbol, Halbmond, drei Schlangen und vier Gesichtern verzierten Steinbank direkt vor Pfeiler 67 zudem eine lebensgroße Kalksteinstatue eines angreifenden Wildschweins (1,35 × 0,70 Meter), auf deren Oberfläche noch originale Farbpigmente in Rot, Weiß und Schwarz erhalten sind – der bisher älteste direkte Beleg für farbige Großskulpturen dieser Epoche [C15]↓↓ [Q6]↓↓.
4. Der Paradigmenwechsel seit 2015: Wohnsiedlung, 7.268 Mahlsteine und Hangrutsche
Tiefere Ausgrabungen seit 2015 widerlegten zwei zentrale Annahmen der frühen Forschung: Göbekli Tepe war kein isoliertes Pilgerheiligtum, und seine Rundbauten wurden nicht absichtlich zugeschüttet, sondern durch schwere Hangrutsche verschüttet.
Bis 2014 deutete Klaus Schmidt Göbekli Tepe als ein reines, unbewohntes Berg- und Totenheiligtum, zu dem mobile Wildbeutergruppen pilgerten und dessen Bauten sie am Ende absichtlich mit Schutt begruben (ritual backfilling) [C12]↓↓ [C16]↓↓ [Q2]↓↓:
„Und es steht außer Frage, dass der Fundplatz Göbekli Tepe keine gewöhnliche Siedlung jener Epoche war, sondern ein Ort der religiösen Sphäre, ein heiliger Bezirk, da die Ausgrabung keinerlei Wohngebäude zutage gefördert hat. Göbekli Tepe scheint ein regionales Zentrum gewesen zu sein, an dem Gemeinschaften zusammenkamen, um komplexe Riten zu vollziehen.“
Ab 2015 führten das DAI unter Leitung von Dr. Lee Clare und die türkischen Antikenbehörden tiefe Sondagen für die modernen Schutzdächer durch und legten im Nordwesten ältere Schichten frei. Die Ergebnisse revidierten das Bild vom reinen Tempel grundlegend [C12]↓↓ [C16]↓↓ [Q6]↓↓:
„Die Entdeckung von Wohnbauten und einer häuslichen Aktivitätszone in den ältesten (PPNA-)Siedlungsschichten im nordwestlichen Teil des Fundplatzes im Jahr 2015 führte in Verbindung mit einer Neubewertung früherer Grabungsdokumentationen zu einer Neuinterpretation von Göbekli Tepe als Siedlung statt als rein ritueller Ort, wie ursprünglich von Schmidt vorgeschlagen (Clare 2020).“
Vier Befunde begründen diesen Paradigmenwechsel:
- Wohnhäuser ab der ältesten Schicht (PPNA): Direkt neben den Sondergebäuden standen von Anfang an Wohnbauten mit Herdstellen, Ockerböden und Werkstätten [C12]↓↓ [Q5]↓↓ [Q6]↓↓.
- Trinkwasser-Zisternen (153 m³): In den Kalksteinfels geschlagene Sammelkanäle und Regenwasser-Zisternen mit einem Gesamtfassungsvermögen von 153 Kubikmetern sicherten die Wasserversorgung der Siedlung [C9]↓↓ [C12]↓↓ [Q1]↓↓ [Q5]↓↓ [Q6]↓↓.
- 7.268 Basalt-Mahlwerkzeuge: Eine Studie von Laura Dietrich et al. (2019) wies anhand von 7.268 steinernen Mahl- und Reibwerkzeugen (Reibplatten, Läufer, Mörser aus einem rund zwei Kilometer vom Fundort entfernten Basalt-Vorkommen) sowie bis zu 3 Millionen Getreide-Phytolithen pro Gramm Sediment nach, dass auf Göbekli Tepe im Großmaßstab Wildgetreide zu Brei, Fladenbrot und Festmahlen verarbeitet wurde [C13]↓↓ [Q5]↓↓ [Q6]↓↓.
- Hangrutsche statt „ritueller Beerdigung“: Mikrostratigraphische Analysen zeigen, dass die Sondergebäude nicht rituell zugeschüttet, sondern durch katastrophale Hangrutsche (slope slides) aus den höher gelegenen Siedlungsschichten verschüttet wurden [C16]↓↓ [Q6]↓↓. Die Bewohner versuchten die Bauten durch Stützmauern und Reparaturen zu retten; zudem waren die runden Sondergebäude wahrscheinlich als halbunterirdische Kommunalbauten mit flachen Holz- und Lehmdächern überdeckt [C16]↓↓ [C17]↓↓ [Q4]↓↓ [Q6]↓↓.
5. Schädelkult, Pfeiler 43 und die widerlegte Kometen-Hypothese
Drei mit Feuerstein eingekerbte und durchbohrte Menschenschädel belegen einen neolithischen Schädelkult auf Göbekli Tepe – während Radiokarbondaten die populäre These vom Kometeneinschlag auf Pfeiler 43 widerlegen.
Im Juni 2017 wiesen Julia Gresky, Juliane Haelm und Lee Clare in Science Advances anhand von sieben Fragmenten dreier erwachsener menschlicher Schädel (unter insgesamt 408 Schädelfragmenten) eine neue Form des neolithischen Schädelkults nach: Nach dem Tod wurden die Schädel entfleischt, mit Feuersteinwerkzeugen tief entlang der Pfeilnaht eingekerbt, mit rotem Ocker gefärbt und über ein ins Scheitelbein gebohrtes Loch an Schnüren in den Gebäuden aufgehängt [C14]↓↓ [Q3]↓↓ [Q6]↓↓.
Dieser Totenkult erklärt auch die Ikonographie von Pfeiler 43 („Geierstein“) in Anlage D, der neben Geier, Skorpion und drei „Taschen“-Symbolen unten rechts am Schaft einen kopflosen Mann zeigt [C14]↓↓ [C18]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓. Als Martin Sweatman und Dimitrios Tsikritsis 2017 behaupteten, Pfeiler 43 stelle als Sternkarte das Datum eines Kometeneinschlags um 10.950 v. Chr. (± 250 Jahre) dar, wies das DAI-Grabungsteam (Jens Notroff, Oliver Dietrich, Laura Dietrich, Cecilie Lelek Tvetmarken, Moritz Kinzel, Jonas Schlindwein, Devrim Sönmez und Lee Clare) diese These entschieden zurück [C18]↓↓ [Q4]↓↓:
„Der chronologische Rahmen, den Sweatman und Tsikritsis (2017, 233, 246) für Pfeiler 43 vorschlagen (10950 v. Chr. ± 250 Jahre), ist immer noch 700 bis 1000 Jahre älter als das älteste bisher für Anlage D verfügbare Radiokarbondatum (das aus organischem Material aus einer Wandputzmatrix stammt, vgl. Dietrich und Schmidt 2010, Dietrich et al. 2013). Zwar gibt es Belege für eine spätere Wiederverwendung von Pfeilern (siehe oben), doch die Annahme einer derart langen Wissenstradition in Bezug auf ein unbestätigtes (antikes) kosmisches Ereignis erscheint extrem weit hergeholt. Bislang fallen die ältesten Radiokarbondaten von Göbekli Tepe mit dem Ende der Jüngeren Dryas zusammen und nicht mit deren Beginn.“
Eine organische Probe direkt aus dem Wandmörtel von Anlage D (Labornummer KIA-44149, 9984 \pm 42\text{ BP}) datiert das Gebäude kalibriert auf 9745 bis 9314 v. Chr.; zudem ignoriert die Sternkarten-Hypothese die wahrscheinliche Überdachung der Bauten und den neolithischen Schädelkult [C10]↓↓ [C17]↓↓ [C18]↓↓ [Q3]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓.
6. Chronologie der Baugeschichte und Erforschung
Von den ersten Steinkreisen um 9600 v. Chr. bis zur Entdeckung der bemalten Wildschweinstatue 2023 zeigt die Zeitleiste die Entwicklung von Göbekli Tepe.
| Zeitraum / Jahr | Ereignis / Archäologischer Befund | Beleg |
|---|---|---|
| ca. 9600–8700 v. Chr. | Älteste Nutzungsphase (PPNA / Schicht III): Bau der runden Sondergebäude A–D und H mit bis zu 5,50 m hohen T-Pfeilern sowie gleichzeitiger Wohnhäuser und Zisternen (153 m³) | [C3]↓↓ [C4]↓↓ [C5]↓↓ [C6]↓↓ [C9]↓↓ [C12]↓↓ [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q5]↓↓ [Q6]↓↓ |
| 9745–9314 cal BC | Kalibriertes Radiokarbonalter (KIA-44149) aus dem Wandmörtel von Anlage D | [C10]↓↓ [Q4]↓↓ [Q5]↓↓ |
| ca. 8700–8000 v. Chr. | Jüngere Bauphase (EPPNB/MPPNB / Schicht II, insgesamt bis zu acht Bauphasen): Rechteckbauten an den Hängen; Hangrutsche verschütten die tieferen Rundbauten; Aufgabe um 8000 v. Chr. | [C3]↓↓ [C11]↓↓ [C16]↓↓ [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q5]↓↓ [Q6]↓↓ |
| 1963 / 1994–1995 | Ersterfassung durch Peter Benedict (1963); Klaus Schmidt erkennt 1994 die T-Pfeiler; Grabungsbeginn 1995 | [C2]↓↓ [Q1]↓↓ [Q2]↓↓ [Q6]↓↓ |
| 2015–2024 | Nachweis von Wohnsiedlung, Hangrutschen, Schädelkult (2017), UNESCO-Welterbe Nr. 1572 (2018), 7.268 Mahlwerkzeugen (2019), Projekt Taş Tepeler (2021) und bemalter Eberstatue (2023) | [C12]↓↓ [C13]↓↓ [C14]↓↓ [C15]↓↓ [C16]↓↓ [C19]↓↓ [Q1]↓↓ [Q3]↓↓ [Q5]↓↓ [Q6]↓↓ |
7. Taş Tepeler und UNESCO-Welterbe: Göbekli Tepe war nicht allein
Seit der Aufnahme in das UNESCO-Welterbe 2018 und dem Start des Projekts „Taş Tepeler“ steht fest: Göbekli Tepe war Teil eines ganzen Netzwerks frühneolithischer Pfeilersiedlungen rund um Şanlıurfa.
Im Juli 2018 wurde Göbekli Tepe unter der Listennummer 1572 in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen [C19]↓↓ [Q1]↓↓. Seit 2021 erforscht das türkische Großprojekt „Taş Tepeler“ („Steinhügel“) rund ein Dutzend gleichzeitiger Fundplätze mit T-Pfeilern in der Region Şanlıurfa – darunter Karahan Tepe, Sayburç, Sefer Tepe und Çakmaktepe [C19]↓↓ [Q6]↓↓. Sie zeigen, dass die monumentalen Bildwerke, die gesichtslosen Pfeiler-Ahnen und die geritzten Kultschädel das gemeinschaftliche Gedächtnis der letzten großen Jäger-und-Sammler-Kulturen Anatoliens festhielten – unmittelbar bevor Ackerbau und Viehzucht die Welt für immer veränderten [C12]↓↓ [C14]↓↓ [C19]↓↓ [Q6]↓↓.
Quellen & Faktencheck
Q1primaryUNESCO World Heritage Centre: Göbekli Tepe (World Heritage List No. 1572)
UNESCO World Heritage Centre, Paris, UNESCO World Heritage Committee / ICOMOS · 2018-07-01
University of Ljubljana (Documenta Praehistorica), Prof. Dr. Klaus Schmidt (Deutsches Archäologisches Institut) · 2010-12-01 · S. S. 239–256
American Association for the Advancement of Science (Science Advances), Julia Gresky, Juliane Haelm & Lee Clare (Deutsches Archäologisches Institut) · 2017-06-28 · S. e1700564 (S. 1–10)
University of the Aegean (Mediterranean Archaeology and Archaeometry), Jens Notroff, Oliver Dietrich, Laura Dietrich, Cecilie Lelek Tvetmarken, Moritz Kinzel, Jonas Schlindwein, Devrim Sönmez & Lee Clare · 2017-07-01 · S. S. 57–63
Public Library of Science (PLOS ONE), Laura Dietrich, Julia Meister, Oliver Dietrich, Jens Notroff, Janika Kiep, Julia Heeb, Andre Beuger & Brigitta Schütt · 2019-05-01 · S. e0215214 (S. 1–34)
University of Ljubljana (Documenta Praehistorica), Dr. Lee Clare (Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Istanbul) · 2024-08-06 · S. S. 6–43
Alle 19 geprüften Aussagen & Einzelbelege (C1–C19) im Detail anzeigen
C1gesichert
Der künstliche Siedlungshügel (Tell) von Göbekli Tepe liegt rund 15 Kilometer nordöstlich der Provinzhauptstadt Şanlıurfa in Südostanatolien (Türkei) auf dem höchsten Punkt (ca. 770 m ü. NN) der Germuş-Bergkette, umfasst rund 9 Hektar (300 Meter Durchmesser) und ragt bis zu 15 Meter über das Kalksteinplateau auf.
Fundstelle: Q1 Description; Q2 S. 239–240; Q6 S. 9
C2gesichert
Die Fundstätte wurde 1963 im Rahmen eines türkisch-amerikanischen Surveys der Universitäten Istanbul und Chicago durch Peter Benedict erstmals erfasst, ihre monumentalen T-Pfeiler jedoch erst im Oktober 1994 durch den deutschen Prähistoriker Klaus Schmidt erkannt und ab 1995 systematisch ausgegraben.
Fundstelle: Q1 Description; Q2 S. 239; Q6 S. 9–10
C3gesichert
Die neolithische Nutzung von Göbekli Tepe erstreckte sich über rund 1.600 Jahre vom Präkeramischen Neolithikum A (PPNA) bis zum mittleren Präkeramischen Neolithikum B (PPNB), datiert auf etwa 9600/9500 bis 8000 v. Chr., als die Gemeinschaften noch von der Jagd auf Wildtiere und dem Sammeln von Wildpflanzen lebten.
Fundstelle: Q1 Description; Q3 S. 1; Q5 S. 2–6; Q6 S. 9–11, Table 1
C4gesichert
Geomagnetische und Bodenradar-Messungen sowie Ausgrabungen belegen auf dem Hügel mindestens 20 runde bis ovale monumentale Sondergebäude (Durchmesser 10 bis 30 Meter), von denen im Hauptgrabungsbereich im Südosten vor allem die Anlagen A, B, C, D sowie weiter nordwestlich Anlage H freigelegt wurden.
Fundstelle: Q2 S. 240–243; Q3 S. 1; Q4 S. 58; Q6 S. 10
C5gesichert
Charakteristisch für die älteren Rundbauten (klassische Schicht III / PPNA) sind kreis- oder ovalförmige Steinmauern mit eingestellten, monolithischen T-förmigen Kalksteinpfeilern, in deren Zentrum jeweils zwei noch größere T-Pfeiler frei in aus dem Fels oder Terrazzoboden gearbeiteten Sockeln stehen.
Fundstelle: Q1 Description; Q2 S. 240–244; Q6 S. 11–15
C6gesichert
In der besterhaltenen Anlage D erreichen die beiden zentralen T-Pfeiler (Pfeiler 18 und 31) eine Höhe von rund 5,50 Metern und ein Gewicht von jeweils etwa 8 bis 10 Tonnen; sie stehen in aus dem gewachsenen Kalksteinfels gemeißelten Sockelpodesten.
Fundstelle: Q1 Criterion (i) & (iv); Q2 S. 242–243, Fig. 6–8; Q6 S. 14–15
C7gesichert
Sämtliche T-Pfeiler wurden ohne Metallwerkzeuge ausschließlich mit Pick- und Klopfsteinen aus Feuerstein (Silex) und Basalt direkt aus den angrenzenden Kalksteinplateaus gebrochen; in den Steinbrüchen liegt noch ein unvollendeter T-Pfeiler-Rohling von fast 7 Metern Länge und rund 50 Tonnen Gewicht.
Fundstelle: Q2 S. 240; Q4 S. 58 (nearly 7 meters, 50 tons); Q5 S. 16
C8gesichert
Die T-Pfeiler stellen stilisierte, gesichtslose Menschenwesen (anthropomorphe Statuen) dar: Der Querblock symbolisiert den Kopf, der Schaft den Körper; an zahlreichen Pfeilern (wie Pfeiler 18 und 31 in Anlage D) sind Arme, auf dem Bauch zusammengeführte Hände, verzierte Gürtel und Lendenschurze aus Fuchsfell im Flachrelief ausgearbeitet.
Fundstelle: Q1 Description; Q2 S. 243–244, Fig. 7–8; Q3 S. 2; Q4 S. 58
C9gesichert
Die Pfeiler und Skulpturen tragen ein reiches Repertoire an Flach- und Hochreliefs fast ausschließlich männlicher, oft bedrohlicher Wildtiere – darunter Raubkatzen (Leoparden), Füchse, Keiler, Auerochsen, Gazellen, Wildesel, Schlangen, Skorpione, Spinnen sowie Wasservögel und Geier –, ergänzt durch abstrakte H- und Halbmond-Symbole; zudem sichern in den Kalksteinfels geschlagene Sammelkanäle und Regenwasser-Zisternen (153 m³ Gesamtfassungsvermögen) die Wasserversorgung.
Fundstelle: Q2 S. 244–253; Q4 S. 58–60; Q5 S. 2–3 (153 m³ cisterns); Q6 S. 14–19
C10gesichert
Eine organische Probe aus dem Lehmmörtel der Ringmauer von Anlage D (Labornummer KIA-44149) lieferte ein kalibriertes Radiokarbonalter von 9745 bis 9314 cal BC (95,4 % Wahrscheinlichkeit), was den Bau der Mauer in das mittlere 10. Jahrtausend v. Chr. datiert.
Fundstelle: Q4 S. 59 (KIA-44149: 9984±42 BP); Q5 S. 5 Table 1 (9745–9314 cal BC)
C11gesichert
Die jüngere Bauschicht II (frühes und mittleres PPNB, ca. 8800–8000 v. Chr.) besteht aus dicht aneinandergereihten, rechteckigen Räumen mit Kalkmörtel- bzw. Terrazzoböden und kleineren, meist nur noch 1,5 bis 2 Meter hohen T-Pfeilern (darunter das „Löwenpfeilergebäude“).
Fundstelle: Q1 Description; Q2 S. 241–242; Q5 S. 3–5; Q6 S. 11, Table 1
C12gesichert
Während Klaus Schmidt Göbekli Tepe bis 2014 als reines, unbewohntes Berg- und Pilgerheiligtum deutete, belegen tiefere Sondagen und Ausgrabungen seit 2015 unter Leitung von Lee Clare eindeutig eine dauerhafte oder halbsesshafte Siedlung mit frühneolithischen Wohnhäusern, Herdstellen, Ockerböden und Regenwasser-Sammelzisternen (153 m³ Gesamtfassungsvermögen) ab der ältesten Nutzungsphase.
Fundstelle: Q1 Description; Q2 S. 240–242; Q5 S. 2–3 (153 m³); Q6 Abstract & S. 6–16
C13gesichert
Eine systematische Analyse von 7.268 steinernen Mahl- und Reibwerkzeugen (Reibplatten, Läufer, Mörser und Stößel aus einem rund zwei Kilometer entfernten Basalt-Vorkommen) sowie der Nachweis von bis zu 3 Millionen Getreide-Phytolithen pro Gramm Sediment belegen eine massive Verarbeitung von Wildgetreide zur Versorgung großer Arbeits- und Festgemeinschaften vor Ort.
Fundstelle: Q5 Abstract, S. 9 Table 2 (total 7268 macrolithic artefacts), S. 10 (~2 km basalt source), S. 19–25; Q6 S. 16
C14gesichert
Im Jahr 2017 wiesen Julia Gresky, Juliane Haelm und Lee Clare anhand von sieben Schädelfragmenten dreier erwachsener Individuen eine neue Form des neolithischen Schädelkults auf Göbekli Tepe nach: Die Schädel wurden nach dem Tod entfleischt, mit Feuersteinwerkzeugen tief entlang der Pfeilnaht eingekerbt, mit rotem Ocker gefärbt und an einer im Scheitelbein gebohrten Öffnung mit Schnüren aufgehängt.
Fundstelle: Q3 Abstract & S. 1–7; Q4 S. 60; Q6 S. 18
C15gesichert
Im Jahr 2023 entdeckten Archäologen in Anlage D auf einer Steinbank direkt vor Pfeiler 67 eine lebensgroße Kalksteinstatue eines Wildschweins (ca. 1,35 × 0,70 Meter), auf deren Oberfläche noch originale Farbpigmente in Rot, Weiß und Schwarz erhalten sind – der bisher älteste direkte Beleg für farbige Großskulpturen dieser Epoche.
Fundstelle: Q6 S. 13–15 & Fig. 6 (painted limestone statue of a wild boar discovered in 2023)
C16gesichert
Die lange vertretene Annahme, die Bewohner hätten ihre monumentalen Rundbauten am Ende ihrer Nutzung absichtlich und rituell mit Tonnen von Siedlungsschutt zugeschüttet („ritual backfilling“), gilt nach neuen mikrostratigraphischen Analysen des DAI als widerlegt: Tatsächlich wurden die tiefer am Hang gelegenen Sondergebäude mehrfach durch katastrophale Hangrutsche („slope slides“) aus den darüberliegenden Siedlungsschichten verschüttet.
Fundstelle: Q2 S. 242 (ältere These); Q6 S. 11–13 & S. 19–20 (Widerlegung durch Hangrutsch-Befunde)
C17plausibel
Die neuen Befunde sprechen dafür, dass die runden Sondergebäude ursprünglich nicht unter freiem Himmel standen, sondern als halbunterirdische Kommunalbauten mit Holz- und Lehmdächern überdeckt waren, die auf den zentralen und peripheren T-Pfeilern ruhten; konstruktive Details dieser Überdachung werden in der Bauforschung weiter untersucht.
Fundstelle: Q6 S. 13–15
C18widersprüchlich
Die 2017 von Martin Sweatman und Dimitrios Tsikritsis aufgestellte Hypothese, Pfeiler 43 („Geierstein“) in Anlage D stelle Sternbilder und das Datum eines Kometeneinschlags um 10.950 v. Chr. (Jüngere Dryas) dar, wird vom Ausgrabungsteam des DAI als methodisch unhaltbar zurückgewiesen, da sie die belegte Bauzeit von Anlage D (10. Jahrtausend v. Chr.), die archäologische Ikonographie (Toten- und Schädelkult) und das wahrscheinliche Dach über dem Gebäude ignoriert.
Fundstelle: Q4 Abstract & S. 57–61; Q3 S. 5–6 (headless human on Pillar 43); Q5 S. 5 Table 1
C19gesichert
Im Juli 2018 wurde Göbekli Tepe unter der Listennummer 1572 in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen; als Teil des türkischen Großprojekts „Taş Tepeler“ („Steinhügel“) wird die Fundstätte heute im Kontext von rund einem Dutzend verwandter PPN-Fundplätze der Region Şanlıurfa (darunter Karahan Tepe und Sayburç) erforscht.
Fundstelle: Q1 Kopfdaten (Ref. 1572, 2018); Q6 S. 7–10


