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Regierungsbunker Ahrweiler: 17,3 Kilometer für den Tag X
Wie die Bonner Republik unter den Weinbergen des Ahrtals für Milliarden D-Mark eine geheime Untergrundstadt für 3.000 Funktionsträger baute – und warum die DDR-Staatssicherheit die Pläne schon 1967 kannte
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Regierungsbunker Ahrweiler: 17,3 Kilometer für den Tag X
Unter den steilen Schieferhängen und Weinbergen zwischen Bad Neuenahr-Ahrweiler, Marienthal und Dernau verbarg sich über mehr als drei Jahrzehnte das wohl am strengsten gehütete Bauwerk der alten Bundesrepublik [C1]↓ [C2]↓ [Q1]↓ [Q4]↓. Offiziell trug das unterirdische Labyrinth den sperrigen Behördennamen „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrung von deren Funktionstüchtigkeit“, abgekürzt AdVB [C1]↓ [Q1]↓ [Q4]↓. In den Verschlusssachen der Bonner Ministerien lief die Anlage unter dem Decknamen „Rosengarten (Dienststelle Marienthal)“, während die Baustelle nach außen hin jahrelang als harmloses Katastrophenschutz-Depot unter dem Codenamen „Anlagen des Technischen Hilfswerks (THW 1 und 2)“ getarnt wurde [C1]↓ [Q4]↓.
Im Ernstfall eines atomar geführten Dritten Weltkrieges sollten hier, rund 25 bis 30 Kilometer südlich der damaligen Bundeshauptstadt Bonn, bis zu 3.000 handverlesene Entscheidungsträger – vom Bundespräsidenten und Bundeskanzler über das Notparlament bis zu Richtern des Bundesverfassungsgerichts – hinter 25 Tonnen schweren Stahltoren dreißig Tage lang autark weiterregieren [C7]↓ [C10]↓ [C16]↓ [Q1]↓ [Q2]↓ [Q4]↓ [Q5]↓. Als das Bundeskabinett die Anlage im Dezember 1997 schließlich aufgab und zwischen 2001 und 2006 fast vollständig entkernen ließ, traten hinter den Legenden über unterirdische Luxusalbträume und Geheimbahnen nüchterne Zahlen, verfassungsrechtliche Dilemmata und frühzeitiger Stasi-Verrat zutage [C9]↓ [C13]↓ [C15]↓ [C19]↓ [C20]↓ [Q2]↓ [Q3]↓ [Q4]↓ [Q5]↓.
Zwei unvollendete Reichsbahn-Tunnel als nuklearer Schutzraum
Die Standortwahl im Ahrtal nutzte zwei bereits vor dem Ersten Weltkrieg aufgefahrene, zweigleisige Eisenbahntunnel einer nie fertiggestellten strategischen Bahnlinie unter dem Kuxberg und dem Trotzenberg [C2]↓ [Q2]↓ [Q4]↓ [Q5]↓.
Mit dem Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO im Jahr 1955 und der Zuspitzung des Ost-West-Konflikts begann die Bundesregierung unter Kanzler Konrad Adenauer mit konkreten Planungen, wie die Staats- und Regierungsfunktionen in einem Verteidigungsfall aufrechterhalten werden könnten [C3]↓ [Q1]↓ [Q2]↓ [Q5]↓. Statt die Ministerien und Verfassungsorgane dezentral über das Bundesgebiet zu verstreuen, entschieden sich die Planer für eine „Konzentration der Kompetenzen“ an einem einzigen, physisch stark geschützten Ort in unmittelbarer Reichweite des Bonner Regierungsviertels [C3]↓ [C16]↓ [Q2]↓ [Q4]↓.
Im engen Ahrtal westlich von Ahrweiler fanden die Ingenieure ideale geologische und bauliche Voraussetzungen vor [C2]↓ [Q2]↓ [Q5]↓. Um das Jahr 1900 hatte das Deutsche Kaiserreich dort mit dem Bau der sogenannten „Strategischen Eisenbahn“ (Ruhr-Mosel-Entlastungslinie) begonnen, die im Kriegsfall Truppen- und Nachschubtransporte Richtung Westgrenze ermöglichen sollte [C2]↓ [Q1]↓ [Q2]↓ [Q5]↓. Die fünf zweigleisigen, für Schwerlastzüge ausgelegten Tunnelröhren im Ahrtal sahen jedoch nie einen Meter reguläres Streckengleis, da das Bahnprojekt nach dem Ersten Weltkrieg endgültig eingestellt wurde [C2]↓ [Q2]↓.
Für den geplanten Regierungsbunker boten die beiden längsten Röhren dieses Tunnel-Quintetts – der östliche Kuxbergtunnel unter dem Silberberg (je nach Messpunkt 1.100 bis 1.285 Meter lang) und der westliche Trotzenbergtunnel zwischen Marienthal und Dernau (1.200 bis 1.340 Meter lang) – ein massives Grundgerüst mit einem Innendurchmesser von jeweils 7 bis 8 Metern [C2]↓ [Q2]↓ [Q4]↓. In den 1930er Jahren waren die feuchten Stollen zeitweise für eine Champignonzucht genutzt worden, ehe die nationalsozialistische Rüstungsindustrie dort ab 1943/1944 unter dem Decknamen „Rebstock“ mit Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen des Buchenwald-Außenlagers Dernau Teile und Startgestelle für die Raketenwaffen V1 und V2 montieren ließ und die Einbauten bei Kriegsende sprengte [C2]↓ [C3]↓ [Q4]↓ [Q5]↓.
Großbaustelle „Rosengarten“: 17,3 Kilometer Stollen auf drei Ebenen
Zwischen 1960/1962 und 1971 bauten rund 17.500 sicherheitsüberprüfte Arbeitskräfte die beiden ehemaligen Bahntunnel durch Parallelstollen, Querschläge und einen 60 Meter tiefer liegenden Verbindungstunnel zu einem 17,336 Kilometer langen Bunkersystem aus [C3]↓ [C4]↓ [C5]↓ [C6]↓ [Q2]↓ [Q4]↓ [Q5]↓.
Nach der Trümmerräumung der gesprengten Weltkriegseinbauten ab 1959 und dem Beginn des ersten Bauabschnitts unter dem Silberberg (1960–1962) fiel am 19. Januar 1962 der offizielle Startschuss für den Gesamtausbau des Ausweichsitzes [C3]↓ [Q4]↓ [Q6]↓. Der westliche Hauptabschnitt unter dem Trotzenberg folgte laut amtlichem Denkmalverzeichnis des Kreises Ahrweiler (GDKE Rheinland-Pfalz, Datenstand 12. Mai 2020, S. 28 unter Gemarkung Dernau-Marienthal) zwischen 1964 und 1970, bis die Gesamtanlage 1971/1972 fertiggestellt war [C3]↓ [Q4]↓ [Q5]↓ [Q6]↓. Laut Akten des Bundesarchivs kamen über die gesamte Bauzeit rund 17.500 sicherheitsüberprüfte Bauarbeiter, Bergleute und Techniker zum Einsatz – zeitweise über tausend Beschäftigte gleichzeitig –, die oft nur für kurze Abschnitte angeheuert wurden, damit niemand einen Überblick über das Gesamtbauwerk gewinnen konnte [C4]↓ [Q4]↓ [Q5]↓.
Um aus den beiden durch den Taleinschnitt von Marienthal getrennten Eisenbahntunneln ein zusammenhängendes System zu formen, trieben die Mineure einen unterirdischen Verbindungsstollen vor, der das Ahrtal in 60 Metern Tiefe unterhalb des Sohlenniveaus der Hauptstollen unterquerte [C6]↓ [Q2]↓ [Q5]↓. Zusätzlich entstanden beiderseits der alten Bahntrasse zahlreiche Parallel- und Seitenstollen, Fluchtgänge sowie Lüftungsschächte [C5]↓ [Q2]↓ [Q5]↓. Insgesamt erreichte das unterirdische Wegenetz eine exakt vermessene Länge von 17,336 Kilometern (in älteren Verkaufs-Exposés der Bundesvermögensverwaltung von 1998 auf rund 19 Kilometer gerundet) mit einer Nutzfläche von 83.000 Quadratmetern und einem umbauten Raumvolumen von 367.000 bis 370.000 Kubikmetern [C5]↓ [Q2]↓ [Q4]↓ [Q5]↓.
In ihrer Ost-West-Ausdehnung wurde die Untergrundstadt in fünf völlig autarke Bauteile gegliedert: Bauteil I (Ost-Ost) und Bauteil II (Ost-West) im Kuxbergtunnel sowie Bauteil III (West-Ost), Bauteil IV (West-Mitte) und Bauteil V (West-West) im Trotzenbergtunnel [C7]↓ [Q4]↓ [Q5]↓. Jeder dieser fünf Abschnitte konnte im Ernstfall hermetisch von den Nachbarsektionen abgekoppelt werden und verfügte über eigene Tiefbrunnen, eigene Dieselgeneratoren, eigene Luftaufbereitungs- und ABC-Filteranlagen sowie eine eigene Großküche für jeweils 600 Personen [C7]↓ [C10]↓ [Q4]↓ [Q5]↓.
Alltag in der Untergrundkaserne: 897 Büros, 936 Schlafräume und 25-Tonnen-Tore
Entgegen hartnäckigen Gerüchten über unterirdischen Luxus glich das Innere des Bunkers einer engen Kaserne, in der sich 3.000 Menschen auf drei horizontalen Ebenen 897 Büros und 936 mehrstöckige Schlafkabinen teilten [C7]↓ [C8]↓ [C9]↓ [Q2]↓ [Q4]↓ [Q5]↓.
Da die alten Eisenbahntunnel eine lichte Höhe von rund 7,5 bis 8 Metern besaßen, zogen die Ingenieure zwei durchgehende Stahlbeton-Zwischendecken ein und teilten die Röhre horizontal in drei Ebenen [C2]↓ [C8]↓ [Q2]↓ [Q5]↓. Das unterste Geschoss war lediglich als niedriger Kriechgang ausgebildet und nahm die kilometerlangen Versorgungsstränge für Strom, Trinkwasser, Abwasser, Klimatechnik und Nachrichtenverbindungen auf [C8]↓ [Q2]↓.
Darüber lag im Erdgeschoss die Arbeitsebene mit insgesamt 897 Büro- und Konferenzräumen auf 12.600 Quadratmetern Fläche [C8]↓ [Q4]↓ [Q5]↓. Die regulären Arbeitszimmer maßen zwischen 10 und 40 Quadratmetern, während Sitzungssäle bis zu 125 Quadratmeter und Mehrzweckräume bis zu 250 Quadratmeter erreichten [C8]↓ [Q5]↓. Im Obergeschoss direkt unter dem gekrümmten Tunnelgewölbe befand sich die Schlafebene mit 936 Schlafräumen auf 13.600 Quadratmetern sowie Gemeinschaftswaschräumen [C8]↓ [Q4]↓ [Q5]↓.
„Die Einrichtung ist sehr spartanisch. Die Büros und Arbeitsräume, die Unterkünfte und auch die Möblierung sind schlicht und nüchtern. So standen beispielsweise selbst für die höchsten Repräsentanten des Staates nur Feldbetten zur Verfügung. Am ehesten trifft der Vergleich mit einer großen, unterirdischen Kaserne zu.“
In den rund 15 Quadratmeter kleinen Schlafkabinen standen dicht gedrängt vier, sechs oder acht Doppelstockbetten ohne jeden Komfort [C8]↓ [C9]↓ [Q2]↓ [Q5]↓. Ein eigenes Einzelzimmer war im gesamten 17,3-Kilometer-Komplex ausschließlich zwei Personen vorbehalten: dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler [C9]↓ [Q4]↓ [Q5]↓. Für die medizinische und alltägliche Versorgung der 3.000 Insassen existierten fünf Großkantinen, die täglich je dreimal 600 Mahlzeiten ausgeben konnten, eine Krankenstation mit Operationssaal und Zahnarztpraxis aus den 1960er Jahren, ein Friseursalon, ein Fernsehstudio für Ansprachen an die Bevölkerung sowie zwei gelbe Telefonzellen mit Münzfernsprechern [C10]↓ [Q2]↓ [Q4]↓ [Q5]↓.
Nach außen hin besaß das Bauwerk 38 Verbindungen zur Oberfläche – darunter vier Hauptzugänge mit 25 Tonnen schweren, hydraulisch schließenden Drucktoren des Herstellers MAN, Personenschleusen mit Dekontaminationsduschen sowie Notausstiege [C10]↓ [Q1]↓ [Q4]↓ [Q5]↓. Tiefbrunnen und Zisternen stellten bis zu 200 Kubikmeter Trink- und Brauchwasser pro Tag bereit [C10]↓ [Q5]↓. Im Friedensbetrieb hielten zwischen 144 und rund 200 festangestellte Bedienstete im Dreischichtbetrieb die Technik rund um die Uhr einsatzbereit, während unterirdische Erdkabel die Kommandozentralen mit der abgesetzten Sendestelle in Bad Münstereifel-Kirspenich („THW 3“) und dem Postbunker in Kesseling-Staffel verbanden [C1]↓ [C12]↓ [Q4]↓ [Q5]↓.
FALLEX 66 bis WINTEX 89: Das Notparlament im Ernstfall-Test
Weil der Bunker nicht alle Bundestagsabgeordneten fassen konnte, führte die erste NATO-Stabsrahmenübung FALLEX 66 unmittelbar zur Schaffung des „Gemeinsamen Ausschusses“ nach Artikel 53a des Grundgesetzes [C13]↓ [C14]↓ [Q2]↓ [Q4]↓.
Schon vor der baulichen Fertigstellung stießen die Verfassungsrechtler der Bundesregierung auf ein grundlegendes Problem: Ein demokratischer Rechtsstaat durfte auch im Verteidigungsfall Gesetze nicht ohne parlamentarische Kontrolle erlassen, doch die über 500 Abgeordneten des Deutschen Bundestages samt den Mitgliedern des Bundesrates und ihren Stäben hätten die Kapazität von 3.000 Plätzen gesprengt [C13]↓ [Q2]↓. Als im Oktober 1966 mit „FALLEX 66“ (Fall Exercise 1966) die erste große NATO-Stabsrahmenübung im halbfertigen Ahrweiler Bunker stattfand, erprobten Politiker wie der FDP-Abgeordnete Wolfram Dorn daher erstmals ein verkleinertes Notparlament unter Tage [C13]↓ [C14]↓ [Q2]↓.
Aus den direkten Erfahrungen dieser Übung ging im Zuge der Notstandsgesetze von 1968 der neue Artikel 53a des Grundgesetzes hervor [C13]↓ [Q2]↓. Dieser „Gemeinsame Ausschuss“ – bestehend aus zwei Dritteln Abgeordneten des Bundestages und einem Drittel Vertretern des Bundesrates (je ein Vertreter pro Bundesland) – übernimmt im Verteidigungsfall die Funktion von Bundestag und Bundesrat, sobald dem regulären Zusammentreten des Parlaments unüberwindliche Hindernisse entgegenstehen [C13]↓ [Q2]↓.
Von 1966 bis zum Herbst 1989 fanden im Regierungsbunker im Zweijahresrhythmus insgesamt zwölf mehrwöchige NATO-Übungen statt [C14]↓ [Q1]↓ [Q2]↓ [Q4]↓. Nach FALLEX 66 und FALLEX 68 wechselte der Rhythmus ab 1971 vom Herbst in den Winter unter dem Namen WINTEX (Winter Exercise), ab 1977 ergänzt um die zivil-militärische Rahmenübung CIMEX (Civil-Military Exercise) [C14]↓ [Q2]↓ [Q4]↓. Da die amtierenden Bundeskanzler den geheimen Bunker mieden, schlüpften hohe Beamte oder Staatssekretäre in die Rolle des „Spiel-Kanzlers“, während das Übungsszenario fast immer über eine Eskalation in Mitteleuropa oder auf dem Balkan bis zum Einsatz taktischer und strategischer Kernwaffen führte [C14]↓ [Q2]↓ [Q4]↓.
Stasi-Akte 5857, Kostenmythen und die reale Schutzgrenze
Während die Existenz der Anlage in Westdeutschland bis 1984 als Staatsgeheimnis galt, besaß die DDR-Staatssicherheit bereits ab 1967 detaillierte Pläne – und militärisch war das Bauwerk durch moderne sowjetische Raketen längst überholt [C15]↓ [C17]↓ [Q3]↓ [Q4]↓.
Über Jahrzehnte leugneten Bundesbehörden die wahre Funktion der „Dienststelle Marienthal“, bis der Journalist Michael Preute (später bekannt unter seinem Krimiautoren-Pseudonym Jacques Berndorf) im April 1984 im Nachrichtenmagazin Der Spiegel und in seinem Buch Der Bunker der Bundesregierung das Geheimnis öffentlich machte [C15]↓ [Q4]↓ [Q5]↓. Für die Hauptverwaltung A (HV A) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR unter Markus Wolf war der Ausweichsitz dagegen schon während der Bauphase ein offenes Buch [C15]↓ [Q3]↓ [Q4]↓. Der Kölner Handwerker und Kältetechniker Lorenz Betzing (1930–2004), der von 1964 bis 1969 im Bunker an Lüftungs- und Kühlanlagen arbeitete, spionierte die Stollen systematisch für Ost-Berlin aus [C15]↓ [Q4]↓.
„Für die DDR-Staatssicherheit stellte der Bau ein Indiz ‚der forcierten Kriegsvorbereitungen des aggressiven NATO-Militärbündnisses‘ dar. Bereits während der Bauarbeiten gelang es der Hauptverwaltung A, Fotos und Angaben zu baulichen Details, wie zum Verlauf der Schächte und der Position der Bunkereingänge sowie zu den Straßenverhältnissen zu sammeln.“
In der als „Geheime Verschlußsache“ eingestuften MfS-Dokumentation vom 23. Februar 1967 (BArch, MfS, HA XXII, Nr. 5857) fanden sich neben präzisen Lagekarten der Portale bei Ahrweiler, Marienthal und Dernau allerdings auch übersteigerte Gerüchte: Auf Blatt 36 und 37 beschrieb die Stasi sogar einen direkten unterirdischen Zufahrtstunnel aus dem Bonner Regierungsviertel in den Bunker [C15]↓ [C16]↓ [Q3]↓. Ein solcher 25 bis 30 Kilometer langer Fern-Tunnel hat jedoch nie existiert; für den schnellen Transport der Staatsspitze war vielmehr der nahegelegene Autobahn-Notlandeplatz auf einem schnurgeraden Abschnitt der A 61 zwischen dem Kreuz Meckenheim und dem Dreieck Bad Neuenahr-Ahrweiler vorgesehen [C16]↓ [Q4]↓.
Ebenso hartnäckig hielten sich nach 1997 Mythen über die Baukosten, die Türanzahl und die tatsächliche Unzerstörbarkeit der Anlage, die sich anhand der heute zugänglichen Fachquellen präzise einordnen lassen [C11]↓ [C17]↓ [C18]↓ [Q2]↓ [Q4]↓ [Q5]↓:
Aufgabe 1997, Entkernung 2001–2006 und die heutige Dokumentationsstätte
Nach dem Ende des Kalten Krieges gab das Bundeskabinett den Bunker im Dezember 1997 auf; zwischen 2001 und 2006 wurden 98,8 Prozent der Anlage entkernt, während 203 Meter seit März 2008 als Museum zugänglich sind [C19]↓ [C20]↓ [C21]↓ [Q1]↓ [Q2]↓ [Q4]↓ [Q6]↓.
Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, der Auflösung des Warschauer Paktes 1991 und dem Beschluss zum Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin verlor der Ausweichsitz im Ahrtal seine militärische und politische Funktion [C14]↓ [C19]↓ [Q2]↓ [Q4]↓. Gleichwohl verschlang der Erhaltungsbetrieb im Stand-by-Modus weiterhin rund 20 Millionen DM pro Jahr, während Technik und Brandschutz hoffnungslos veralteten [C18]↓ [C19]↓ [Q2]↓ [Q4]↓.
„Der Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes in Marienthal wird aufgegeben.“
Nach diesem Kabinettsbeschluss vom 9. Dezember 1997 schrieb die Bundesvermögensabteilung der Oberfinanzdirektion Koblenz die Liegenschaft am 12. Juni 1998 öffentlich zum Verkauf aus [C19]↓ [C20]↓ [Q4]↓ [Q5]↓. Rund 90 Interessenten aus dem In- und Ausland meldeten sich, und 16 Investoren reichten bis September 1998 konkrete Konzepte ein – von einer erneuten Champignonzucht über ein Daten- und Münzdepot für die Bundesbank bis hin zu einem kuriosen „1000-jährigen Archiv“, in dem Bürger gegen 500 DM Gebühr persönliche Zeitkapseln bis zum Jahr 3000 einlagern sollten [C20]↓ [Q4]↓ [Q5]↓. Da jedoch kein einziger Bewerber die hohen laufenden Sicherheits- und Bewetterungskosten des 17,3 Kilometer langen Stollensystems dauerhaft finanzieren konnte, scheiterte die Privatisierung [C20]↓ [Q2]↓ [Q4]↓ [Q5]↓.
Weil bei einer Abschaltung der Pumpen und Entwässerungsanlagen mit dem Eindringen von Bergwasser und einer Kontamination des Grundwassers durch Öle, Farben, Asbest und Kunststoffe zu rechnen war, ordnete der Bund den vollständigen Rückbau an [C20]↓ [Q4]↓. Unter Leitung des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR) wurden zwischen 2001 und 2006 sämtliche Einbauten, Zwischendecken, Leitungen und Trennwände auf über 17 Kilometern Stollenlänge demontiert, bis nur noch die nackten Betonröhren der alten Eisenbahntunnel übrig blieben [C20]↓ [Q2]↓ [Q4]↓ [Q6]↓. Die tatsächlichen Rückbaukosten beliefen sich auf rund 16 bis 16,6 Millionen Euro und unterschritten damit das ursprünglich veranschlagte Budget von 30 Millionen Euro deutlich [C20]↓ [Q4]↓.
Aus den eingesparten Rückbaumitteln stellte der Bund 2,5 Millionen Euro bereit, um am östlichsten Ende des Bauteils I Ost ein 203 Meter langes Teilstück mit einer Fläche von 5.838 Quadratmetern samt Eingangsbauwerk im Originalzustand zu bewahren, das in der Denkmalliste des Kreises Ahrweiler (S. 28, Gemarkung Dernau-Marienthal) als Kulturdenkmal verzeichnet ist [C21]↓ [Q1]↓ [Q4]↓ [Q6]↓. Am 29. Februar / 1. März 2008 eröffnete dort unter der Trägerschaft des gemeinnützigen Heimatvereins „Alt-Ahrweiler“ e. V. die Dokumentationsstätte Regierungsbunker (Am Silberberg 0, 53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler) [C21]↓ [Q1]↓ [Q2]↓ [Q4]↓. Während Bundesvertreter vorab mit höchstens 30 Gästen pro Woche gerechnet hatten, entwickelte sich das 2009 mit dem Europa-Nostra-Preis und dem Siegel „Europäisches Kulturerbe“ ausgezeichnete Museum mit bislang rund 1,1 Millionen Besucherinnen und Besuchern zu einem der meistbesuchten Erinnerungsorte des Kalten Krieges in Europa [C21]↓ [Q1]↓ [Q4]↓.
Quellen & Faktencheck
Q1primaryDer Regierungsbunker – Vom Schutzbunker zum faszinierenden Zeitzeugnis
Dokumentationsstätte Regierungsbunker, Bad Neuenahr-Ahrweiler, Heimatverein ‚Alt-Ahrweiler' e. V. / Dokumentationsstätte Regierungsbunker · 2024-01-01
Q2primary14 Jahre Dokumentationsstätte Regierungsbunker – Ein Rückblick
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Magazin Bevölkerungsschutz, Ausgabe 2/2022, S. 28–31, Heike Hollunder · 2022-06-01 · S. 28–31
Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) / Bundesarchiv, Berlin, Bundesarchiv / Stasi-Unterlagen-Archiv (BStU) · 2017-01-01 · S. 12–13
Landschaftsverband Rheinland (LVR), Köln, LVR-Redaktion KuLaDig (Kultur.Landschaft.Digital.) · 2014-08-20
Q5academic‚Rosengarten' wird aufgelöst – Zum Verkauf des Regierungsbunkers im Ahrtal
Kreisverwaltung Ahrweiler, Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler 2000, S. 48, Leonhard Janta · 2000-01-01 · S. 48
Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Mainz (Datenstand 12. Mai 2020, S. 28), Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE), Direktion Landesdenkmalpflege · 2020-05-12 · S. 28
Alle 21 geprüften Aussagen & Einzelbelege (C1–C21) im Detail anzeigen
C1gesichert
Die Anlage im Ahrtal zwischen Bad Neuenahr-Ahrweiler, Marienthal und Dernau (rund 25 bis 30 Kilometer südlich von Bonn) trug den offiziellen Namen ‚Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrung von deren Funktionstüchtigkeit' (AdVB) und wurde während der Bau- und Betriebszeit unter den Tarnbezeichnungen ‚Anlagen des Technischen Hilfswerks (THW 1 und 2)', ‚Dienststelle Marienthal' und ‚Rosengarten' geführt.
Fundstelle: Q1 Abschnitt ‚Der Regierungsbunker – geheimer Unterschlupf der Bonner Regierung'; Q2 S. 28; Q4 Abschnitt ‚Bezeichnung und Tarnnamen'; Q5 S. 48
C2gesichert
Als bauliche Basis dienten zwei vor dem Ersten Weltkrieg für die unvollendete ‚Strategische Eisenbahn' (Ruhr-Mosel-Entlastungslinie) aufgefahrene, zweigleisige Eisenbahntunnel mit rund 7,5 bis 8 Metern lichter Höhe: der östliche Kuxbergtunnel (ca. 1.100–1.285 m) und der westliche Trotzenbergtunnel (ca. 1.200–1.340 m), die in den 1930er Jahren zur Champignonzucht und 1943/44 durch Häftlinge des KZ-Buchenwald-Außenlagers ‚Rebstock' in Marienthal für unterirdische Rüstungsproduktion (V1/V2-Gestelle) sowie als Luftschutzbunker genutzt wurden.
Fundstelle: Q1 Abschnitt ‚Vom Schutzbunker zum faszinierenden Zeitzeugnis'; Q2 S. 28; Q4 Abschnitt ‚Vorgeschichte: Strategische Bahn und Lager Rebstock'; Q5 S. 48
C3gesichert
Nach dem NATO-Beitritt der Bundesrepublik (1955) und ersten Planungen unter Bundeskanzler Konrad Adenauer begannen ab 1959 die Trümmerräumung, von 1960 bis 1962 der erste Bauabschnitt unter dem Silberberg (Kuxbergtunnel), am 19. Januar 1962 der offizielle Gesamtausbau und von 1964 bis 1970 der Ausbau unter dem Trotzenberg, bis das Gesamtbauwerk 1971/1972 fertiggestellt wurde.
Fundstelle: Q1 Abschnitt ‚Vom Schutzbunker zum faszinierenden Zeitzeugnis'; Q2 S. 28–29; Q3 S. 12; Q4 Abschnitt ‚Planung und Bau (1959–1972)'; Q5 S. 48; Q6 S. 28 (Dernau - Marienthal, Gemarkung: Sog. Regierungsbunker Am Silberberg, 1960–62 / 1964–70)
C4gesichert
An der streng geheimen Großbaustelle im Ahrtal waren nach ausgewerteten Akten des Bundesarchivs insgesamt rund 17.500 sicherheitsüberprüfte und zur Verschwiegenheit verpflichtete Arbeitskräfte beschäftigt.
Fundstelle: Q4 Abschnitt ‚Bauausführung und Geheimhaltung (17.500 Arbeiter)'; Q5 S. 48
C5gesichert
Durch zusätzliche Parallel-, Quer- und Verbindungsstollen wuchs das Stollensystem auf eine Gesamtlänge von exakt 17,336 Kilometern (gerundet 17,3 km bzw. rund 19 km im Verkaufs-Exposé der OFD Koblenz von 1998) mit rund 83.000 m² Nutzfläche, 367.000 bis 370.000 m³ umbautem Raum, 188.023 m² Grundstücksfläche und bis zu 112 Metern (ca. 110 m) schützender Grauwacke- und Tonschiefer-Überdeckung.
Fundstelle: Q1 Abschnitt ‚Vom Schutzbunker zum faszinierenden Zeitzeugnis'; Q2 S. 28–29; Q3 S. 12; Q4 Abschnitt ‚Technische Daten und Ausdehnung'; Q5 S. 48 (OFD-Exposé)
C6gesichert
Um die beiden durch den Taleinschnitt von Marienthal getrennten Hauptstollen (Kuxbergtunnel im Osten und Trotzenbergtunnel im Westen) geschützt miteinander zu verbinden, wurde das Tal mit einem in 60 Metern Tiefe unter dem Niveau der Hauptstollensohle verlaufenden unterirdischen Verbindungsstollen unterquert.
Fundstelle: Q2 S. 29; Q4 Abschnitt ‚Bauteile Ost und West / Tiefstollen'; Q5 S. 48
C7gesichert
Die Gesamtanlage gliederte sich in fünf autarke Bauteile – Bauteil I und II (Ost) im Kuxbergtunnel unter dem Silberberg sowie Bauteil III, IV und V (West) im Trotzenbergtunnel – und war dafür ausgelegt, rund 3.000 Funktionsträger (ca. 600 Personen je Bauteil) für mindestens 30 Tage völlig unabhängig von der Außenwelt unterzubringen.
Fundstelle: Q1 Abschnitt ‚Der Regierungsbunker – geheimer Unterschlupf der Bonner Regierung'; Q2 S. 28–29; Q3 S. 12; Q4 Abschnitt ‚Fünf autarke Bauteile'; Q5 S. 48
C8gesichert
Die rund 7,5 bis 8 Meter hohen Tunnelröhren wurden durch freitragende Stahlbetondecken dreigeschossig unterteilt: ein unteres Kriechgeschoss für Versorgungsleitungen, das Erdgeschoss als Arbeitsebene mit insgesamt 897 Büro- und Konferenzräumen auf 12.600 m² sowie das Obergeschoss als Schlafebene mit 936 Schlafräumen auf 13.600 m².
Fundstelle: Q2 S. 29; Q4 Abschnitt ‚Innere Struktur: 897 Büros und 936 Schlafräume'; Q5 S. 48 (OFD-Exposé)
C9gesichert
Entgegen populären Gerüchten über unterirdischen Luxus glich die Einrichtung laut dem amtlichen Exposé der Oberfinanzdirektion Koblenz (1998) ‚eher einer großen, unterirdischen Kaserne': Die 936 Schlafräume bestanden überwiegend aus rund 15 m² kleinen 4-, 6- oder 8-Bett-Kabinen mit doppelstöckigen Feldbetten und Stahlspinden; lediglich für den Bundespräsidenten und den Bundeskanzler waren eigene Einzelzimmer mit Arbeitsraum und Nasszelle vorgesehen.
Fundstelle: Q2 S. 29 (4-, 6- oder 8-Bett-Kabinen); Q4 Abschnitt ‚Ausstattung und Unterbringung'; Q5 S. 48 (Wörtliches Zitat OFD Koblenz Juni 1998)
C10gesichert
Die Anlage verfügte über 38 Verbindungen zur Außenwelt (darunter vier Hauptzugänge mit 25 Tonnen schweren, hydraulisch betätigten MAN-Stahlbeton-Drucktoren und Dekontaminationsschleusen), eigene ABC-Filter-, Klima- und Notstromdiesel-Anlagen, Tiefbrunnen und Zisternen für bis zu 200 m³ Trinkwasser pro Tag, fünf Großkantinen (21.000 Essensportionen/Woche), fünf Kommandozentralen, eine chirurgische Krankenstation mit OP-Saal, Zahnarztpraxis, Friseursalon, Fernsehstudio sowie zwei gelbe Telefonzellen.
Fundstelle: Q1 Abschnitt ‚Der Regierungsbunker – geheimer Unterschlupf der Bonner Regierung'; Q2 S. 29; Q4 Abschnitt ‚Technische Infrastruktur und Autarkie'; Q5 S. 48
C11widersprüchlich
Während in populären Darstellungen häufig von rund 25.000 Türen im Regierungsbunker gesprochen wird (eine Zahl, die sämtliche Schrank-, Wartungs- und Lüftungsklappen einrechnet), beziffern Fachpublikationen die tatsächliche Zahl der Raumtüren, schweren Stahltüren und Druckschleusen bei 1.833 Büro- und Schlafräumen auf rund 3.300.
Fundstelle: Q2 S. 29; Q4 Abschnitt ‚Mythen und Zahlen: 25.000 vs. 3.300 Türen'; Q5 S. 48
C12gesichert
Auch in Friedenszeiten hielten zwischen 144 und rund 200 festangestellte Bedienstete (Handwerker, Techniker, Wachpersonal und Verwalter) den Bunker im Dreischichtbetrieb ständig innerhalb weniger Stunden einsatzbereit; zur abhör- und zerstörungssicheren Kommunikation gehörten die unterirdisch verkabelten abgesetzten Sendestellen in Bad Münstereifel-Kirspenich (‚THW 3') und Kesseling-Staffel (‚Postbunker').
Fundstelle: Q2 S. 29; Q4 Abschnitt ‚Dauerbetrieb und abgesetzte Sendestellen Kirspenich / Staffel'; Q5 S. 48
C13gesichert
Da die über 500 Abgeordneten des Deutschen Bundestages keinen Platz im Bunker fanden, wurde bei der ersten NATO-Übung FALLEX 66 (u. a. mit dem FDP-Abgeordneten Wolfram Dorn) erstmals ein verkleinertes Notparlament erprobt, aus dem 1968 mit der Notstandsverfassung der ‚Gemeinsame Ausschuss' nach Artikel 53a Grundgesetz (32 Bundestags- und 16 Bundesratsmitglieder) hervorging.
Fundstelle: Q2 S. 29–30; Q4 Abschnitt ‚FALLEX 66 und Notstandsverfassung (Art. 53a GG)'
C14gesichert
Zwischen Oktober 1966 und Herbst 1989 fanden im Regierungsbunker im Zweijahresrhythmus insgesamt zwölf mehrwöchige NATO-Stabsrahmen- und Gesamtverteidigungsübungen statt (FALLEX 66, FALLEX 68, ab 1971 WINTEX, ab 1977 CIMEX), bei denen ein hauptamtlicher Staatssekretär als ‚Spiel-Kanzler' agierte, weil die amtierenden Bundeskanzler eine Teilnahme im Bunker zumeist mieden.
Fundstelle: Q1 Abschnitt ‚Der Regierungsbunker – geheimer Unterschlupf der Bonner Regierung'; Q2 S. 29–30; Q4 Abschnitt ‚NATO-Übungen FALLEX und WINTEX/CIMEX'
C15gesichert
Während in Westdeutschland erst der Journalist Michael Preute (alias Jacques Berndorf) im April 1984 das Schweigen über die ‚Dienststelle Marienthal' brach, war die Hauptverwaltung A (HVA) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit bereits von 1964 bis 1969 durch ihren im Bunker als Kältetechniker beschäftigten Agenten Lorenz Betzing (1930–2004) sowie Baustellenfotos ab Juli 1962 detailliert informiert; am 23./27. Februar 1967 übergab HVA-Leiter Markus Wolf das GVS-Dossier ‚BArch, MfS, HA XXII, Nr. 5857' an Stasi-Minister Erich Mielke, Oberst Hans Carlsohn und Generalmajor Scholz.
Fundstelle: Q1 Abschnitt ‚Der Regierungsbunker – geheimer Unterschlupf der Bonner Regierung'; Q3 S. 12–13 (Faksimiles BArch, MfS, HA XXII, Nr. 5857, Bl. 1, 3, 21, 50); Q4 Abschnitt ‚Spionagefall Lorenz Betzing und Enthüllung 1984'; Q5 S. 48
C16widersprüchlich
Hartnäckige Gerüchte über einen direkten, 25 bis 30 Kilometer langen unterirdischen Auto- oder U-Bahn-Tunnel vom Bonner Regierungsviertel bis in den Bunker im Ahrtal – denen selbst das MfS 1967 auf den Blättern 36–37 der Akte BArch, MfS, HA XXII, Nr. 5857 aufsaß – sind historisch unbelegt; für die Evakuierung der Regierungsspitze waren Hubschrauber und das 3,5 Kilometer entfernte Autobahn-Notlandeplatz-Teilstück der A 61 vorgesehen.
Fundstelle: Q2 S. 29; Q3 S. 13 (BArch, MfS, HA XXII, Nr. 5857, Bl. 36–37); Q4 Abschnitt ‚Gerücht über Bonner Verbindungstunnel und Notlandeplatz A 61'; Q5 S. 48
C17gesichert
Bautechnisch war der Regierungsbunker auf die Detonation einer 20-Kilotonnen-Atombombe in rund 800 Metern Entfernung ausgelegt (zum Vergleich: Hiroshima ca. 13 kT); gegenüber einem direkten Treffer moderner sowjetischer SS-20-Mittelstreckenraketen (ab 1976, drei Mehrfachsprengköpfe à 150 Kilotonnen) hätte auch die 110 Meter starke Schieferüberdeckung keinen sicheren Schutz mehr geboten.
Fundstelle: Q2 S. 29; Q4 Abschnitt ‚Militärischer Schutzwert und SS-20-Bedrohung'
C18widersprüchlich
Aufgrund der Verteilung auf verschiedene Einzelhaushalte schwanken die Angaben zu den Gesamtbaukosten erheblich: Während Medienschätzungen meist 3 bis 6 Milliarden DM nennen, beziffern Berechnungen nach dem Indexschlüssel der Deutschen Bundesbank für die Bau- und Ausbauphase 1959–1997 den Gesamtaufwand auf 4,72 Milliarden Euro (konservativ) bzw. bis zu 7,2 Milliarden Euro (progressiv, inklusive 10 Mio. DM Architektenhonorar, 50 Mio. DM Fernmeldetechnik und 20–40 Mio. DM jährlichen Betriebskosten).
Fundstelle: Q2 S. 29–30; Q4 Abschnitt ‚Baukosten und Bundesbank-Indexrechnung (4,72 bis 7,2 Mrd. Euro)'; Q5 S. 48
C19gesichert
Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Umzugsbeschluss nach Berlin beschloss das Bundeskabinett unter Bundeskanzler Helmut Kohl am 9. Dezember 1997 offiziell: ‚Der Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes in Marienthal wird aufgegeben.'
Fundstelle: Q1 Abschnitt ‚Der Regierungsbunker als Dokumentationsstätte'; Q2 S. 30 (Wörtliches Zitat Kabinettsbeschluss 09.12.1997); Q4 Abschnitt ‚Aufgabe 1997'; Q5 S. 48; Q6 S. 28
C20gesichert
Nachdem eine weltweite Verkaufsausschreibung der Oberfinanzdirektion Koblenz im Juni 1998 trotz rund 90 Interessenten und 16 Geboten (darunter Ideen für ein ‚1.000-jähriges Archiv', Datenspeicher oder Freizeitparks) an den immensen Unterhaltskosten scheiterte, ließ der Bund zwischen Sommer 2001 und Sommer 2006 aus Grundwasserschutzgründen 98,8 Prozent der 17,3 Kilometer langen Stollenanlage für rund 16 bis 16,6 Millionen Euro (statt veranschlagter 30 Mio. Euro) bis auf den nackten Spritzbeton entkernen und versiegeln.
Fundstelle: Q1 Abschnitt ‚Der Regierungsbunker als Dokumentationsstätte'; Q2 S. 30; Q4 Abschnitt ‚Verkaufsversuch 1998 und Rückbau 2001–2006'; Q5 S. 48; Q6 S. 28
C21gesichert
Aus eingesparten Rückbaumitteln stellte der Bund 2,5 Millionen Euro bereit, um am östlichsten Ende von Bauteil I unter dem Silberberg (erster Bauabschnitt 1960–1962) einen 203 Meter langen Originalabschnitt auf 5.838 m² Fläche samt Eingangsbauwerk zu erhalten; die Anlage steht als Kulturdenkmal des Kreises Ahrweiler unter Denkmalschutz, wurde am 29. Februar / 1. März 2008 unter Trägerschaft des Heimatvereins ‚Alt-Ahrweiler' e. V. als ‚Dokumentationsstätte Regierungsbunker' eröffnet (rund 1,1 Mio. Besucher) und 2009 mit dem Europa-Nostra-Preis ausgezeichnet.
Fundstelle: Q1 Abschnitt ‚Der Regierungsbunker als Dokumentationsstätte'; Q2 S. 30–31; Q4 Abschnitt ‚Dokumentationsstätte Regierungsbunker (203 m)'; Q5 S. 48; Q6 S. 28 (Dernau - Marienthal, Gemarkung: Sog. Regierungsbunker Am Silberberg)